25.06.2020 | Betriebswirtschaft

Wie können wir stabil stagnieren?

Von Alexandra Buba / Interview mit Dr. Daniel Deimling

Dr. Daniel Deimling ist Professor für Betriebswirtschaft – und bricht mit den meisten ihrer Glaubenssätze radikal. Der Unternehmensethiker tritt vielmehr für wachstumsneutrales Wirtschaften ein. Das helfe nicht nur, Krisen deutlich besser zu bewältigen, sondern sei angesichts drohender Ressourcenknappheit und gesättigter Märkte längst mehr als nur moralisches Beiwerk. 

STB Web:
Herr Dr. Deimling, weshalb halten Sie die klassische Betriebswirtschaftslehre für überholt?

Dr. Daniel Deimling
Dr. Daniel Deimling ist Professor für Management mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit. Er ist kritischer Betriebswirt und Unternehmensethiker. (Foto: © Dr. Daniel Deimling)

Dr. Daniel Deimling:
Weil sie sich ausschließlich dem Postulat der Gewinnmaximierung verpflichtet und Wirtschaft aus ihrem gesellschaftlichen und ökologischen Kontext löst. Das Resultat sehen wir gerade: Sobald eine Krise auftaucht, muss der Staat sofort stützen. Zwanghaft wird versucht, das Wachstum, für das es ohne einen Mangel keinen Sinn mehr gibt, aufrecht zu erhalten.

STB Web:
Was zeichnet wachstumsneutrale Unternehmen denn aus – die Ihrer Ansicht nach ja deutlich krisenresilienter sind?

Dr. Deimling:
Sie verfügen oftmals über einen hohen Eigenkapitalanteil und müssen nicht zwangsläufig jedes Jahr dasselbe oder ein noch höheres Ergebnis als zuvor erzielen, um Fremdkapitalgeber zufrieden zu stellen. Dadurch halten sie es auch einmal aus, in einem Jahr 30 Prozent weniger Umsatz zu machen ohne deshalb Leute entlassen zu müssen.

STB Web:
Was einem Großteil der Wirtschaft so vielleicht nicht gelänge...

Dr. Deimling:
Problematisch ist es, wenn Unternehmen zu schnell gewachsen sind und zu große Produktionskapazitäten aufgebaut haben, anstatt Reserven zu bilden. Kommt dann eine Wirtschaftsflaute, haben sie enorme Überkapazitäten, keinerlei Substanz, auf die sie zurückgreifen können und können in eine existenzbedrohende Krise geraten. 

STB Web:
Wichtig ist auch der Input, den ein Unternehmen benötigt, oder? 

Ein Ansatz, den ich knallhart betriebswirtschaftlich verargumentieren kann.

Dr. Deimling:
Ja, wachstumsneutrale Unternehmen haben in allen Bereichen einen maximal niedrig gehaltenen Input, insbesondere bei Rohstoffen oder Energie. Dadurch können sie Preissteigerungen bei ihren Lieferanten viel leichter wegstecken. Auch die Besteuerung der Emissionen ist ein viel kleinerer Faktor als bei denjenigen, die mit hohem Aufwand produzieren. 

Diese Dinge werden sich in der Zukunft immer stärker niederschlagen, Stichwort Lieferkettengesetz. Wachstumsneutralität ist daher nicht nur eine Frage der Nachhaltigkeit, sondern auch ein Ansatz, den ich knallhart betriebswirtschaftlich verargumentieren kann. 

STB Web:
Hören die Unternehmer*innen Ihre Argumente?

Dr. Deimling:
Ich gebe relativ viele Seminare für Unternehmen aus dem klassischen Mittelstand, die zwischen zehn und 500 Mitarbeiter beschäftigen. Gerade in diesem Segment ist das Bewusstsein schon sehr präsent, denn die Firmen merken inzwischen selbst, dass das Wachstum immer stärker an Grenzen stößt.

Wo Wachstumsneutralität allerdings überhaupt noch keine Rolle spielt, sind die kapitalmarktorientierten Unternehmen, da kein Vorstandsvorsitzender heute sagen wird: 'Ihre Dividende wird dieses Jahr sinken, dafür stärken wir die Nachhaltigkeit unserer Produktion.'

STB Web:
Bewusstsein entsteht also überwiegend aus Sachzwängen? 

Dr. Deimling:
Das tut es. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist ein Produzent von Eistee. Dieser war in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich im gesamten europäischen Markt, hatte kräftig expandiert und seine Produkte in die Regale aller großen Handelsketten gebracht. 

Dann stieg der Preis für den Tee, den er importiert. Die Verteuerung seines Produkts wollte der Handel aber so nicht akzeptieren, da die Endkunden dies nicht tragen würden. Die einzige Möglichkeit, den absoluten Gewinn bei sinkender Marge auf demselben Level zu halten, war weiteres Wachstum. Doch auch noch so viele neue Sorten werden die Konsumenten letztlich nicht davon überzeugen können, künftig noch viel mehr Eistee zu trinken. 

STB Web:
Das offenbart ein System am Anschlag. Wie schaffen Unternehmen, die vor ähnlichen Problemen stehen, den Ausstieg aus diesen Abhängigkeiten und Zwängen?

Dr. Deimling:
Um wachstumsneutral zu werden, müssen Sie Strukturen verändern. Es ist daher ganz schwer zu sagen und hängt wesentlich von der Branche ab. Ein Aspekt ist aber für alle gültig: Sie sollten schrittweise weniger abhängig von Fremdkapital werden; also Kredite abbezahlen und keine neuen aufnehmen, um zu expandieren. Frei werdende Kapazitäten – etwa aus Marketing und Vertrieb – sollten Sie nutzen, um Ihr Know-how im Inneren auszubauen. 

Was Sie dann tun, ist ein inneres Wachstum zu vollziehen.

STB Web:
Was heißt das konkret?

Dr. Deimling: Fragen Sie sich: Wie können wir stabil stagnieren? Wie werden wir besser? Wie verbrauchen wir weniger? Wie bekommen wir zufriedenere Mitarbeiter? Was Sie dann tun, ist ein inneres Wachstum zu vollziehen.

STB Web:
Da mache ich mir doch immer noch Sorgen um die Wirtschaftlichkeit...

Dr. Deimling:
Tatsächlich ist es ein Irrtum der Betriebswirtschaft zu behaupten, wer nicht wächst, der stirbt. Das ist empirisch überhaupt nicht haltbar, da mehr als 50 Prozent der Unternehmen eben nicht wachsen. Sehen Sie sich die Ein-, Zwei- oder Drei-Mann-Betriebe an: Handwerker, Dienstleister und so weiter. Sie haben keine Existenzprobleme allein aufgrund der Tatsache, dass sie nicht wachsen. Die einzige Gruppe, die immer weiter wächst, sind diejenigen, die ohnehin schon groß sind.

Wenn man fragt, warum jemand wächst, dann bekommt man sehr merkwürdige Antworten.

STB Web:
Das ist nun ein Ansatz, den viele Steuerberater*innen ihren Mandant*innen in der Regel nicht zumuten. Sollten Sie?

Dr. Deimling:
Steuerberater*innen machen einen essenziell wichtigen Job, da sich kaum einer leisten kann, den Überblick über all diese Dinge selbst zu behalten. Und ja, sie könnten Einfluss darauf nehmen, wie krisensicher ihre Mandant*innen sind, indem sie ihnen diese Perspektive eröffnen. Denn tatsächlich ist es ja so: Wenn man fragt, warum jemand wächst, dann bekommt man sehr merkwürdige Antworten. Meistens nach dem Motto 'So ist es halt'.

STB Web:
Größere Mandantenunternehmen bedeuten aber für Kanzleien ja mithin ein höheres Honorarvolumen...

Dr. Deimling:
Das Geld ist das eine. Doch gibt es nicht auch andere Faktoren, die meinen Job sinnhaft machen? Ist es nicht ein gutes Gefühl, meinen Mandant*innen zu helfen, auf einen solideren Weg zu kommen? Außerdem, wenn ich das noch sagen darf, es ist fünf nach zwölf, was das Thema Nachhaltigkeit anbelangt. Wenn die gegenwärtige Krise irgendwann vorbei ist, werden wir nicht zurück zur Normalität kommen, höchstens vorübergehend, um dann dauerhaft einen ähnlichen Zustand zu erleben wie jetzt.

Wir schützen die Natur nicht, weil wir sie so schön finden, sondern weil sie unsere Lebensgrundlage ist.

STB Web:
Inwiefern?

Dr. Deimling:
Der Peak Oil ist erreicht, und auch wenn das derzeit vielen noch nicht bewusst ist: Das Erdöl wird sehr bald knapp, Transportwege werden viel teurer ebenso wie eine Vielzahl der Produkte, die den Rohstoff brauchen. Wir werden weniger konsumieren, weniger mobil sein, weniger erwirtschaften – und zwar dauerhaft.

Das ist im Hinblick auf die Klimakrise auch unbedingt notwendig, denn – um das noch einmal zu sagen: Wir schützen die Natur nicht, weil wir sie so schön finden, sondern weil sie unsere Lebensgrundlage ist. Ernst zu nehmende Studien sprechen davon, dass ab 2050 keine flächendeckenden Zivilisationen aufgrund der Erderwärmung mehr möglich sein werden. Wir werden dann Migration in einem Ausmaß erleben gegen die die heutige Flüchtlingsbewegung wie ein laues Lüftchen wirken wird. Jeder, der Kinder hat, kann seinen Nachkommen nicht tatenlos ein solches Chaos hinterlassen wollen.

Alexandra BubaDas Gespräch führte Alexandra Buba. Sie ist freie Journalistin und spezialisiert auf die Themen der Steuerberatungsbranche (www.medientext.com) und schreibt regelmäßig für die STB Web-Redaktion.