25.03.2021 | Gesellschaft und Ökonomie

Nachhaltig einen Porsche zerstören

Von Alexandra Buba / Interview mit Prof. Dr. Friedrich von Borries

Wie sähe die Gesellschaft aus, wenn wir alle stets darum bemüht wären, möglichst wenig Spuren zu hinterlassen? Danach trachteten, dass unser Handeln folgenlos bleibt? Ließe sich auf diese Weise gar nachhaltiger wirtschaften? Welche Rolle könnte dabei ergebnislose Beratung spielen? Diese Zusammenhänge beleuchtet die "Schule der Folgenlosigkeit", ein diskursives Kunstprojekt des Architekten und Designtheoretikers Prof. Dr. Friedrich von Borries. Eine Annäherung an die Idee im Gespräch mit ihrem Schöpfer.

Foto: © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G)

STB Web:
Sie skizzieren ein Konzept der Folgenlosigkeit als Nachhaltigkeitsperspektive im Gegensatz zum gängigen Sparsamkeits- und Effizienzpostulat. Wie lässt sich der Grundgedanke auf den Punkt bringen?

Prof. Dr. Friedrich von Borries:
Anders als beim klassischen Nachhaltigkeitskonzept geht es bei der Idee der Folgenlosigkeit nicht darum, zu fragen, was bleibt, um Ressourcen am Ende möglichst intelligent einzusetzen. Vielmehr steht im Zentrum die Frage, was man bleiben lassen kann. Anders ausgedrückt: Wie bewege ich mich so, dass mein Fußabdruck möglichst klein ist?

STB Web:
Wie klein kann dieser denn in der Realität tatsächlich werden?

Prof. Dr. Friedrich von Borries:
Ihre Frage impliziert den Versuch zu quantifizieren. Genau dieser Ansatz hat uns dahin gebracht, wo wir heute stehen: in ein dysfunktionales System, das den Menschen, aber auch den Planeten an seine Grenzen bringt. Tatsächlich geht es bei der Schule der Folgenlosigkeit um ein Ideal, das wir möglichst oft als Maßstab für unser eigenes Leben nehmen sollten.

STB Web:
Eine fertige Lösungsstrategie ist es also nicht...

Prof. Dr. Friedrich von Borries:
Ich bin weder Politiker, noch Missionar. Als Kulturschaffender will ich den Blick öffnen für eine neue Perspektive auf die Welt und das eigene Leben und die traditionellen Sichtweisen aufbrechen.

STB Web:
Was verändert dies?

Prof. Dr. Friedrich von Borries:
Wir sind heute so gepolt auf Handlungsmodelle, getrieben von einem Wirksamkeitsparadigma. Unter diesem Anspruch, unbedingt etwas bewegen zu müssen, leiden viele Menschen, weil sie ihm nicht gerecht werden. Tatsächlich weiß ich zum Beispiel nicht, ob sich meine Steuerberaterin tatsächlich selbst verwirklicht, wenn sie meine Steuererklärung macht. Eigentlich hoffe ich das auch nicht für sie. Am Ende meiner 'Schule der Folgenlosigkeit' steht die Befreiung vom Zwang zum Optimalen, das Ende des Selbstoptimierungswahns.

STB Web:
...die den einzelnen glücklicher und die Gesellschaft besser macht?

Wir sollten nicht immer nach dem Maximalen streben.

Prof. Dr. Friedrich von Borries:
Wir sollten nicht immer nach dem Maximalen streben. Letztlich geht es um die Befreiung vom Rausch des Wachstums. Ob dies dann gleich zu Glück führt oder zur Zufriedenheit? Am ehesten würde ich meinen zu einem Zustand tiefen Wohlbefindens.

STB Web:
Mir drängen sich Parallelen zur aktuellen Achtsamkeitsbewegung auf - diese scheint vor Ihrer Idee als reine Optimierungsübung aber wohl eher oberflächlich, oder?

Prof. Dr. Friedrich von Borries
Prof. Dr. Friedrich von Borries

Prof. Dr. Friedrich von Borries:
Ich fände es sehr arrogant, dies als oberflächlich zu bezeichnen. Das Problem, das sich mit diesen individualistischen Praktiken verbindet, ist eher, dass sie die Wirtschaftsunternehmen auf breiter Basis mit dem Ziel fördern, ein dysfunktionales System zu erhalten. Nach dem Motto: Wer eine Stunde in der Woche meditiert oder Yoga praktiziert, verkraftet anschließend die fünf Überstunden besser.

STB Web:
Wie könnte sich denn dann Ihr Konzept positiv auf die Wirtschaftswelt auswirken?

Prof. Dr. Friedrich von Borries:
An vielen Stellen denken Verantwortliche in Unternehmen bereits um. Denn dort sitzen ja oftmals sehr intelligente, weltoffene Menschen, die längst spüren, dass es da einen Widerspruch gibt. Im Grunde geht es genau darum: diese Widersprüchlichkeit auszuhalten und dabei nicht in Schockstarre oder Depression zu verfallen.

Manchmal gibt es einfach nicht das Richtige. In meiner Ausstellung in Hamburg steht zum Beispiel auch eine Porschekarosserie und ein Hammer, Wer will, kann auf die Karosse einschlagen. Denn obwohl wir alle wissen, wie ökologisch unsinnig solche Autos sind, finden wir sie auch begehrenswert. Zerstörung ist hier die Übung für das Überwinden oder wenigstens Aushalten von inneren Widersprüchen.

Nicht mehr länger fragen, was etwas bringt, sondern, was es schaden könnte.

STB Web:
Folgenlos ist das dann aber im eigentlichen Wortsinn nicht...

Prof. Dr. Friedrich von Borries:
Natürlich kommen wir nie aus dem Handeln heraus. Es geht auch nicht darum, gar nichts mehr zu tun, sondern schlichtweg die Folgen seines Agierens mit zu bedenken. Das erleben wir ja jetzt auch während der Pandemie, in der Menschen plötzlich bemerken, dass ihr eigenes Verhalten Auswirkungen auf die Gesundheit oder das Leben von anderen hat, die sie nicht einmal kennen. Letztlich geht es darum, nicht mehr länger zu fragen, was bringt es, sondern, was könnte es schaden?

STB Web:
Lassen Sie uns konkret werden. Wie geht das?

Prof. Dr. Friedrich von Borries:
Tatsächlich heißt mein Projekt ja "Schule der Folgenlosigkeit". Es geht also darum, diese Dinge zu üben. Dazu gibt es zum Beispiel eine kostenlose App gleichen Namens "Schule der Folgenlosigkeit" (Android / Apple) von mir; ich würde mir aber auch ganz konkret in unserer traditionellen Bildungslandschaft ein Schulfach "Folgenlosigkeit" wünschen. Und dann lassen Sie uns noch etwas tun: Ich habe einmal beim Bund der deutschen Architekten darum gebeten, dass jeder ein Projekt mitbringt, von dem er froh ist, es nicht gebaut zu haben. Gibt es so etwas auch in der Steuerberatung? Lassen Sie uns das herausfinden!

Best of better not

Folgenlose Beratungen und unternehmerische Entscheidungen

Jetzt sind Sie gefragt, liebe Leser*innen: Erinnern Sie sich an Beratungsgespräche oder Situationen, von denen Sie im Nachhinein froh sind, dass sich bestimmte Ergebnisse, Gestaltungen oder unternehmerische Entscheidungen in der Kanzleientwicklung nicht verwirklicht haben? Wovon sagen Sie im Nachhinein: Wie gut, dass ich das nicht getan oder umgesetzt habe?

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Prof. Dr. Friedrich von BorriesProf. Dr. Friedrich von Borries, geboren 1974, ist Architekt und lehrt seit 2009 Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Mit seinem aktuellen Projekt "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben", das unter anderem aus einer Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg besteht, geht er der Frage nach, wie ein Leben aussähe, das möglichst folgenlos bleibt. Die in diesem Zusammenhang ausgeschriebenen absurden Stipendien fürs Nichtstun wurden in der medialen Öffentlichkeit im vergangenen Sommer stark diskutiert.

Hintergrund: Nachdem die Stipendien fürs Nichtstun ausgeschrieben worden waren, fragte der Bund der Steuerzahler bei Friedrich von Borries nach, ob diese denn aus Steuermitteln finanziert seien. Dem war nicht so, die Stipendien waren von privaten Förderern gesponsert. Allerdings wies von Borries den Bund der Steuerzahler darauf hin, dass die Zeit, die er für die Beantwortung dieser E-Mail-Anfrage aufwandte, von der öffentlichen Hand bezahlt werden würde.

Alexandra BubaDas Gespräch führte Alexandra Buba. Sie ist freie Journalistin und spezialisiert auf die Themen der Steuerberatungsbranche (www.medientext.com) und schreibt regelmäßig für die STB Web-Redaktion.