27.01.2022 | Nachhaltigeres Wirtschaften

Grünes Wachstum gibt es nicht

Die Idee hinter dem grünen Wachstum ist schnell erklärt: Durch technische Innovationen soll der Naturverbrauch vom Wirtschaftswachstum entkoppelt werden. Nachhaltige Produkte und Produktionsprozesse sollen dafür sorgen, dass der Ressourcenverbrauch sinkt, während die Wirtschaft weiterhin wächst. Soweit die Theorie. Dr. Daniel Deimling, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Nachhaltigkeitsforscher, unterzieht diesen Ansatz einer fundamentalen Kritik und zeigt unter anderem anhand der Elektromobilität seine Unmöglichkeit auf.

Von Prof. Dr. Daniel Deimling *

Wir können uns gerne darauf einigen, dass wir es mit der Nachhaltigkeit einfach bleibenlassen, wir auf nichts verzichten wollen, unsere Wirtschaft weiterwachsen soll wie bisher und wir auf das Zwei-Grad-Ziel der Vereinten Nationen (das die Bewohnbarkeit des Planeten für kommende Generationen sichern soll) pfeifen. Dann lasst es uns aber auch klar aussprechen. Was unerträglich ist, ist die zynische Heuchelei und das scheinheilige Gerede vom grünen Wachstum entgegen aller empirischen Belege.

Die Idee des grünen Wachstums

Prof. Dr. Daniel Deimling
Foto: © Prof. Dr. Daniel Deimling

Mit Abstand betrachtet, ist es durchaus amüsant, dass die entwaffnend einfallslose, reflexartige Antwort auf die mittlerweile unübersehbaren ökologischen Probleme, die das innovationsgetriebene Wachstum der letzten 50 Jahre hervorgebracht hat, lautet: Wachstum durch Innovation! Genauer gesagt: Grünes Wachstum durch grüne Innovationen! Einsteins berühmtes Bonmot, wonach man Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen kann, durch die sie entstanden sind, wurde selten so deutlich, wie bei der Idee des grünen Wachstums. Wir wollen die Probleme, die das Wachstum verursacht hat, durch Wachstum lösen. Was auch selten anschaulicher vor Augen geführt wurde, ist die vehemente Ignoranz, nicht nur gegenüber Einsteins Mahnung, sondern auch gegenüber allen empirischen Belegen über das Scheitern respektive die Unmöglichkeit grünen Wachstums.

Unbestritten ist, dass das Wirtschaftswachstum seit Mitte des letzten Jahrhunderts mit einer kontinuierlichen Zunahme des Ressourcenverbrauchs einherging. Da klassisches Wirtschaftswachstum vor dem Hintergrund der planetaren Grenzen, insbesondere des Klimawandels und der abnehmenden Biodiversität, seit einigen Jahren nicht mehr legimitierbar und daher auch nicht mehr konsensfähig ist, musste ein neues Konzept her. Die Lösung: Das Wachstum wird einfach grün. Die Idee hinter dem grünen Wachstum (auch: qualitatives oder nachhaltiges Wachstum) ist schnell erklärt: Durch technische Innovationen soll der Naturverbrauch vom Wirtschaftswachstum entkoppelt werden. Nachhaltige Produkte und Produktionsprozesse sollen dafür sorgen, dass der Ressourcenverbrauch sinkt, während die Wirtschaft weiterhin wächst. Soweit die Theorie.

Die neue Bundesregierung setzt auf die Schimäre des grünen Wachstums

Im neuen Koalitionsvertrag »Mehr Fortschritt wagen« wird genau diese Schimäre beschworen. Auf 61 der 179 Seiten findet sich ein- oder mehrmals der Begriff Nachhaltig(keit), Innovation und innovativ schaffen es immerhin auf 48 der 179 Seiten. Hier einige Beispiele:

„Zentrale Zukunftsfelder sind unter anderem: Moderne Technologien für eine wettbewerbsfähige und klimaneutrale Industrie in Deutschland. Sicherstellung sauberer Energiegewinnung- und -versorgung sowie die nachhaltige Mobilität der Zukunft.“ (S.20)

„Damit garantieren wir Wohlstand und nachhaltiges Wirtschaftswachstum.“ (S.34)

„Wir wollen die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland als Grundlage für nachhaltiges Wachstum (…) erhöhen.“ (S.64)

Der technische Fortschritt soll dafür sorgen, dass unsere Wirtschaft ökologisch verträglich weiterwachsen kann, ohne dass wir auf etwas verzichten müssten. Das grüne Wachstum ist der Schlüssel dafür, dass durch nachhaltige Innovationen jede Veränderung unserer Konsummuster überflüssig wird. Der Konzernkritiker Kalle Lasn brachte dieses Denken bereits 2007 in einem Interview mit der Zeitschrift »GDI Impuls« anhand unseres Mobilitätsverhaltens auf den Punkt: „Wir fahren Hybridautos und sind stolz darauf, die Konzerne dazu gebracht zu haben, unseren Wunsch nach weniger umweltschädlichen Fahrzeugen zu erfüllen. Aber keiner von uns ist bereit, sein Mobilitätsverhalten zu ändern. Die Autokultur bleibt unangetastet, während wir technische Möglichkeiten suchen, um Symptome zu bekämpfen.“[1] Anstatt uns vom motorisierten Individualverkehr zu verabschieden, setzen wir heute, 15 Jahre später, immer noch auf alternative Antriebe, insbesondere auf die Elektromobilität. Und das obwohl mittlerweile selbst der letzte Konservative mitbekommen hat, dass die Elektromobilität genauso viele neue ökologische Problemlagen mit sich bringt, wie sie vorgeblich löst.

Die Elektromobilität veranschaulicht das Scheitern des grünen Wachstums

Wenn der Anteil der Elektroautos bis 2035 weltweit bei lediglich 10 Prozent läge, so das Manager-Magazin über eine Studie der Bundesregierung, wäre der Lithium-Bedarf nur für Elektroautos knapp viermal so hoch wie die gesamte Weltproduktion. Die Produktion der Batterien ist zudem mit immensen Emissionen verbunden. Bei der Herstellung der Batterien entstehen pro Kilowattstunde Speicherkapazität je nach Berechnung zwischen 100 und 150 Kilogramm CO2-Äquivalente (vgl. bspw. hier). Für die Produktion einer Batterie mit 100 kWh werden somit zwischen 10 und 15 Tonnen CO2-Äquivalente emittiert. Zur Herstellung der Batterien werden neben verschiedenen Metallen auch seltene Erden wie Neodym, Praseodym, Dysprosium und Terbium gebraucht. Die seltene Erde Dysprosium, die für die Herstellung von Elektroautos benötigt wird, wird auch für die Produktion von Windkraftanlagen benötigt, die den Strom erzeugen sollen, um die Elektroautos zukünftig anzutreiben.

Der Umstieg vom Verbrenner auf den Elektromotor ändert nichts an der benötigten Infrastruktur.

Die Ressourcenverbräuche, die durch den Input (Lithium, Metalle, seltene Erden) sowie den Output (CO2-Emissionen) während der Batterie-Produktion entstehen, sind aber nur ein kleiner Teil der Problematik. Und auch, dass Elektroautos nicht nur aus Batterien bestehen, sondern auch aus allen anderen ressourcenintensiven Komponenten, die man für den Fahrzeugbau benötigt, spiegelt nicht das ganze Ausmaß der ökologischen Problemlage wider. Eines der Hauptprobleme, das häufig ignoriert wird, ist, dass der Umstieg vom Verbrenner auf den Elektromotor nichts an der benötigten Infrastruktur ändert: Auch Elektroautos brauchen Straßen, Parkplätze, Autohäuser, Tankstellen, Waschanlagen, Werkstätten usw. Auch Elektroautos müssen irgendwann irgendwie entsorgt werden – die Recyclingquoten von Automobilen sind ohnehin schon extrem niedrig, die Entsorgung der Batterien ist ökologisch verheerend (das Handelsblatt bezeichnete Elektroautos in einem Kommentar als rollenden Sondermüll). Ein positiver Nachhaltigkeitseffekt der Elektromobilität ist auch deshalb nicht vorhanden, weil ein Großteil der Ressourcenproblematik nicht durch das Produkt selbst, sondern die Nutzung, die benötigte Infrastruktur sowie die Entsorgung verursacht wird.

Individueller Konsum muss global übertragbar sein

Ein weiterer Punkt: Aus dem Nachhaltigkeitsleitbild, auf das sich die Vereinten Nationen verständigt haben, resultiert das so genannte »Übertragbarkeitskriterium«. Das Ziel des Übertragbarkeitskriteriums ist die Senkung des globalen Ressourcenverbrauchs pro Kopf auf ein Maß, das räumlich und zeitlich auf alle Menschen übertragbar ist. Konsumstile müssen nicht nur heute auf 7,9 Milliarden Menschen übertragbar sein, sondern auch auf die Zukunft. Im Jahre 2020 wuchs der Fahrzeug-Bestand in Deutschland auf insgesamt rund 67 Millionen Fahrzeuge (vgl. hier) bei 83 Millionen Einwohnern (vgl. hier). Das ist ein Faktor von 0,8 Fahrzeugen pro Person. Übertragen auf 7,9 Milliarden Menschen, hätten wir also 6,3 Milliarden Fahrzeuge. Heute gibt es weltweit etwas über eine Milliarde Fahrzeuge. Können Sie sich vorstellen, was passieren würde, wenn wir über sechs Milliarden Fahrzeuge weltweit hätten? Wie viele Ressourcen wir bräuchten? Wieviel Energie, Wasser, Material? Wie viele Straßen, Parkplätze und Infrastruktur? Diese Form der Mobilität – der motorisierte Individualverkehr – Batterie hin, Wasserstoff her, kann niemals nachhaltig werden. Nachhaltige Mobilität kann daher nur heißen: Abschied vom motorisierten Individualverkehr und damit auch vom Automobil. Die neu gewählte Bundesregierung hingegen möchte folgendermaßen für „die nachhaltige Mobilität der Zukunft“ (s.o.) sorgen:

„Wir machen Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität, zum Innovationsstandort für autonomes Fahren und beschleunigen massiv den Ausbau der Ladesäuleninfrastruktur. Unser Ziel sind mindestens 15 Millionen vollelektrische Pkw bis 2030.“ (Koalitionsvertrag, S.27)

Da ist man als Nachhaltigkeitsforscher sprachlos. Weltgeist, vergib ihnen, denn sie wissen (im besten Falle) nicht, was sie tun. Das Gedankenspiel mit der Verallgemeinerbarkeit unseres Konsumstils kann ebenso gut auf unseren Flächenverbrauch, unseren Wasserverbrauch, unseren Fleischverbrauch, unseren Verbrauch an Kunststoffen, unsere Produktion von Müll und Emissionen usw. übertragen werden.

Nichts von unserer Art zu konsumieren ist global verallgemeinerbar.

Nichts von unserer Art zu konsumieren ist global verallgemeinerbar. Wie ich bereits auf Makroskop schrieb, kann man genau beziffern, in welchem Ausmaße sich unser Konsum reduzieren müsste, damit er ein übertragbares Maß erreichen würde. Lebten alle Menschen wie die Deutschen, bräuchten wir nach aktuellem Stand die Ressourcen von 5,46 Erdbällen. Um auf ein global verträgliches Maß zu kommen, dürfen wir also nur noch ein Fünftel von dem konsumieren, was wir heute konsumieren. Um das Zwei-Grad-Ziel der Vereinten Nationen einzuhalten, müssen wir unseren Konsum um mindestens 75 Prozent senken.

Sparen wir nicht seit Jahren Plastik und Verpackungen ein?

Nehmen wir einmal den Verpackungsverbrauch in Deutschland. Nach Schätzungen des europäischen Parlaments landen jedes Jahr zwischen 4,8 und 12,7 Tonnen Plastikmüll im Meer. Insgesamt sind die Weltmeere mittlerweile mit etwa 150 Millionen Tonnen Plastikmüll belastet. Durch das Verschlucken von Kunststoffpartikeln lagern sich toxische Schadstoffe in den Organismen der Meerestiere an. Auch Menschen nehmen Plastik über die Nahrungskette zu sich (vgl. hier). Dies wird als »Bioakkumulation« bezeichnet. Während Meerestiere Plastik aus dem Wasser über Haut, Kiemen oder die Nahrung aus dem Sediment aufnehmen, nehmen Menschen die Schadstoffe durch Nahrung oder das Trinkwasser auf. Plastik wird in der Produktion durch Weichmacher, Farbmittel, Flammschutzmittel und weitere Füllstoffe ergänzt. Wenn diese Plastik-Bestandteile über die Nahrungskette in unsere Zellen gelangen, wirken sie in unserem Organismus toxisch. Das Plastik ist nicht nur karzinogen, sondern schädigt auch unser Immunsystem, verändert unsere Hormone und sogar unser Erbgut.

Öffentlichkeitswirksames Verbot von Plastiktüten und Plastik-Strohhalmen

Da das Ausmaß der ökologischen und gesundheitlichen Schäden durch Plastikmüll mittlerweile bestens bekannt ist, wird seit Jahren suggeriert, dass wir überall Plastik einsparen. Man denke nur an das öffentlichkeitswirksame Verbot von Plastiktüten oder – noch besser – von Plastik-Strohhalmen. In den Supermärkten sehen wir Tüten und Verpackungen aus so genannten »Biokunststoffen«, die, als grüne Innovation gepriesen, aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Wir entkoppeln den Plastikverbrauch durch Biokunststoffe einfach vom Wachstum. Das Bruttoinlandsprodukt wächst, der Plastikverbrauch sinkt gleichzeitig, weil wir Plastik durch Biokunststoffe ersetzen. Das ist grünes Wachstum. Der Naturschutzbund NABU dokumentiert hingegen anschaulich die Realität: Das Volumen der Plastikverpackungen hat sich zwischen 1995 und 2019 in Deutschland mehr als verdoppelt – von 1,56 Mio. Tonnen auf 3,2 Mio. Tonnen. Hier wird rein gar nichts entkoppelt und wir sparen, absolut betrachtet, überhaupt kein Plastik und keine Kunststoffabfälle ein.

Der Verpackungsverbrauch wächst korrelativ zum BIP

Nimmt man den gesamten Verpackungsverbrauch in Deutschland, unabhängig vom Material, und setzt diesen ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, zeigt sich ebenfalls: Der Verpackungsverbrauch wächst korrelativ zum Bruttoinlandsprodukt. Während das BIP von 1.899 Mrd. Euro 1995 kontinuierlich auf 3.044 Mrd. Euro im Jahr 2015 anstieg, wuchs der gesamte Verpackungsverbrauch von 13,9 Mio. Tonnen im Jahr 1995 auf 18,1 Mio. Tonnen 2015 (Quelle: Umweltbundesamt). Der Zusammenhang ist doch ganz einfach: Wächst die Wirtschaft, wächst die Produktion, wächst der Konsum, wächst der Ressourcenverbrauch, wächst der Verpackungsbedarf und der Abfall. Jeder Dreijährige versteht diese Kausalität. Es ist keinerlei Entkoppelung und damit kein grünes Wachstum festzustellen.

Seit 2015 ist der Verpackungsverbrauch in Deutschland noch weiter angewachsen (vgl. hier). Falls Sie nun denken, dass die Recyclingquoten die Lösung wären: Knapp 50 Prozent des Plastikmülls wird verbrannt. Das nennt sich euphemistisch »thermische Verwertung« (vgl. hier). Die verheerenden Umweltauswirkungen der thermischen Verwertung kann der NDR-Dokumentation »Die Tricks der Plastikindustrie« entnommen werden.

Der globale CO2-Ausstoß lässt keinen Interpretationsspielraum

Betrachten wir die Ressourcenproblematik doch einmal im globalen Maßstab und ziehen die Entwicklung des weltweiten CO2-Ausstoßes in den Jahren 1995 bis 2020 heran. DIe Grafik zeigt, dass trotz aller Innovationen, trotz aller Effizienzsteigerungen, trotz aller Bemühungen durch nachhaltige Technologien den CO2-Ausstoß zu vermindern, der CO2-Ausstoß weltweit kontinuierlich ansteigt. Bis auf die Jahre 2009 und 2020.

Einzig die Weltwirtschaftskrise 2009 sowie die Pandemie 2020 sorgten für eine Senkung des CO2-Ausstoßes.

Im Jahre 2009 hat die Weltwirtschaftskrise für eine Senkung des CO2-Ausstoßes gesorgt, im Jahre 2020 war es bekanntermaßen die Pandemie. In beiden Jahren ist das weltweite Bruttoinlandsprodukt (auch: Bruttoweltprodukt) ausnahmsweise geschrumpft (vgl. hier). Eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes findet folglich nur dann statt, wenn die Weltwirtschaft schrumpft. So lange das weltweite Bruttoinlandsprodukt wächst, wächst auch der CO2-Ausstoß und es findet keine Entkoppelung des Ressourcenverbrauchs vom Wachstum statt. Wenn es grünes Wachstum gäbe, müsste der CO2-Ausstoß trotz Wachstums sinken, was nicht der Fall ist. Auch wenn es niemand hören will: Wenn es grünes Wachstum nicht gibt, kann nur eine Schrumpfung des weltweiten Bruttoinlandsprodukts unsere Zukunft sichern.

Was ist mit dem Wachstum von Entwicklungsländern? – »Kontraktion und Konvergenz«

In diesem Kontext kommt häufig die Frage auf, wie das denn mit den Entwicklungsländern sei und wer dann noch wachsen dürfe und wer nicht. Die Antwort ist relativ simpel. Das Wuppertal Institut hat das Prinzip von »Kontraktion und Konvergenz« entwickelt. Dahinter steht folgende Idee: Die Industrieländer vermindern ihren Ressourcenverbrauch stärker, als die Entwicklungsländer ihren Ressourcenverbrauch ausweiten. In der Zukunft treffen sich alle Länder auf einem gemeinsamen Zielkorridor, der innerhalb der Tragekapazität der Biosphäre bleibt. Dieser Zielkorridor ist wiederum klar bezifferbar: Das Zwei-Grad-Ziel der Vereinten Nationen kann nur eingehalten werden, wenn die Industrieländer ihre Treibhausgasemissionen um 95 Prozent gegenüber 1990 reduzieren. Das ist Bestandteil der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, die Deutschland ratifiziert hat. Der Pro-Kopf-Verbrauch an CO2-Äquivalenten muss laut UNFCCC weltweit unter 2,5 Tonnen pro Jahr und Person sinken. In Deutschland emittieren wir derzeit durchschnittlich pro Jahr und Person über 10 Tonnen CO2- Äquivalente, was bedeutet, dass wir Produktion und Konsum insgesamt um 75 Prozent senken müssen (vgl. auch hier).

»Erdüberlastungstag« 2021 bereits Anfang Mai

Betrachtet man das Verhältnis von Bruttoweltprodukt und Ressourcenentnahme ergibt sich das gleiche Bild wie bei den CO2-Emissionen: Der Ressourcenverbrauch steigt im gleichen Maße wie die Weltwirtschaft wächst. Von Entkoppelung und grünem Wachstum auch hier keine Spur.

Das weltweite Bruttoinlandsprodukt und die globale Ressourcenentnahme wachsen beinahe parallel. Das was global gilt, gilt auch für Deutschland. Der so genannte »Erdüberlastungstag«, an dem die Deutschen die Ressourcen aufgebraucht haben, die sie in einem Jahr verbrauchen dürfen, um die Biosphäre nicht zu überlasten, war letztes Jahr bereits Anfang Mai erreicht (vgl. hier).

Jason Hickel und Giorgos Kallis haben eine Meta-Studie mit dem Titel Is Green Growth Possible? veröffentlicht, in der sie empirische Studien auswerten, die die Entwicklung von Ressourcenverbrauch und CO2-Emissionen in Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum untersucht haben. Das Ergebnis ist eindeutig: Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass eine Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum erreicht werden kann.

Keinerlei wissenschaftliche Evidenz

Die Idee des grünen Wachstums habe sich zwar als vorherrschende politische Reaktion auf den Klimawandel sowie den ökologischen Zusammenbruch etabliert, so Hickel und Kallis. Wenn man jedoch die wissenschaftlichen Studien über den Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch vergleicht und auswertet, gibt es keinerlei wissenschaftliche Evidenz dafür, dass eine Entkoppelung von Wachstum und Naturverbrauch möglich ist. Kurz: Es gibt kein grünes Wachstum. Die Schlussfolgerung von Hickel und Kallis lautet deshalb: Grünes Wachstum ist ein fehlgeleitetes Ziel, politische Entscheidungsträger müssen nach alternativen Strategien suchen. Diese alternativen Strategien finden sie logischerweise in einer Abkehr vom Wachstum.

Eine attraktive Idee, die es in der Realität nicht gibt

Die Idee des grünen Wachstums ist für Politiker*innen und Bürger*innen attraktiv, weil weder an den Strukturen unseres Wirtschaftssystems gerüttelt noch unser Lebenswandel verändert werden muss. Wir können weiter produzieren und konsumieren wie bisher und müssen uns in keiner Weise einschränken. Das grüne Wachstum ist aufgrund der Kompatibilität mit den bestehenden Strukturen gesellschaftlich anschlussfähig. Niemand muss tiefgreifende Veränderungen hinnehmen, kein Politiker muss unpopuläre Einschnitte fordern. Indes entbehrt die Fiktion eines grünen, nachhaltigen Wachstums jeder empirischen Grundlage. Weiterhin von der Vereinbarkeit von Wachstum und Nachhaltigkeit zu sprechen, ist nichts anderes als postfaktischer Zynismus.

Fußnote:

[1] Sennhauser, Peter (2007), Die müde Revolution, Interview mit Kalle Lasn, in GDI Impuls, Herbst 2007, S.14-19

* Über den Autor:

Prof. Dr. Daniel DeimlingDr. Daniel Deimling ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Nachhaltigkeitsforscher. Er tritt für eine integrative Wirtschaftsethik ein.