28.10.2021 | Unternehmensführung

Hierarchiefrei bedeutet nicht basisdemokratisch

Von Alexandra Buba / Interview mit Michael Jenkner

Nutzengleiche Gewinnausschüttung, keine Angestellten, dafür unmittelbarer Gesellschafter*innenstatus sofort beim Eintritt: Die Art der Zusammenarbeit bei der Sächsisch-Berlinerischen "plant values GbR" sorgt oft für Verwirrung, da Kundschaft und Finanzamt meist intuitiv eine Art Hierarchie erwarten. Doch am Ende verstünden fast alle die Grundüberzeugung. Michael Jenkner, Gesellschafter und verantwortlich für die Finanzplanung der GbR, erklärt sie.

STB Web:
Herr Jenkner, Ihre Gesellschaft verwirklicht Prinzipien, die konservative Geister womöglich als übertrieben idealistisch und damit nicht wirklichkeitstauglich klassifizieren würden. Sie selbst schreiben auf ihrer Webseite, ein Idealist sei ein Vertreter der Annahme, dass Ideen die Fundamente von Wirklichkeit, Wissen und Moral bilden. Das funktioniert offenbar auch bei Tageslicht - plant values besteht bereits seit fünf Jahren. Nach welchem Ideal genau?

Foto: © Michael Jenkner, plant values GbR

Michael Jenkner:
Unsere Grundüberzeugung ist, dass alle auf der gleichen Ebene stehen sollen, da jede Position gleichbedeutend dafür ist, dass unser Unternehmen funktioniert. Dabei ist es egal, welche Aufgabe eine Person erfüllt. Weil wir genau davon überzeugt sind, gibt es bei uns keine Angestellten, und alle Gesellschafter*innen sollen gerecht in gleicher Weise an unserem Erfolg partizipieren. 

STB Web:
Das bedeutet in Ihrem Vergütungsmodell aber nun genau nicht, dass alle denselben Gewinnanteil ausgeschüttet bekommen...

Ziel ist die nutzengleiche Partizipation am Unternehmenserfolg, nicht die monetär identische.

Michael Jenkner:
Exakt, unsere Ausschüttung teilen wir auf: Zunächst in einen Basiswert, der sich seinerseits wieder aus vier verschiedenen Pauschalen zusammensetzt. Dazu zählen individuelle Miete, Lebenshaltung, Fixkosten und Versicherungen. Um die vier Pauschalen zu ermitteln, berücksichtigen wir Faktoren wie den Wohnort, also ob jemand zum Beispiel in Berlin oder in Görlitz wohnt und für denselben Wohnstandard eine deutlich höhere Miete aufbringen muss.

In den anderen Bereichen können dies zum Beispiel Vorerkrankungen sein, die zu höheren Beiträgen für den selben Versicherungsschutz führen. Das Ziel ist am Ende die nutzengleiche Partizipation am Unternehmenserfolg, nicht die monetär identische. Deshalb ziehen wir vom Gewinn erst diese Basiswertsumme für die jeweiligen Gesellschafter*innen ab, um dann den Rest paritätisch aufzuteilen. 

Dass wir die klassischen Hierarchien nicht leben, sorgt manchmal für Irritationen.

STB Web:
Die unterschiedlich hohen Auszahlungen, die sich an den persönlichen Bedarf anpassen, sind nur ein Baustein Ihrer Zusammenarbeit in der Gesellschaft; ein anderer ist die Tatsache, dass es keine Angestellten gibt, sondern nur Gesellschafter*innen. Führt das nicht zu endlosen basisdemokratischen Diskussionen?

Michael Jenkner:
Nein, das tut es tatsächlich nicht, da wir nicht basisdemokratisch entscheiden, sondern sehr wohl Verantwortungsbereiche definiert haben, um alle internen Aufgaben abzudecken. Die bekommt dann auch niemand aufgedrückt, der sie nicht machen möchte, so haben wir etwa den Datenschutz outgesourct.

Dasselbe gilt für die Beratungsprojekte: Hier gibt es selbstverständlich immer eine projektverantwortliche Person. Allerdings kann das auch jemand sein, der erst kurz im Unternehmen ist, und nicht zwangsläufig jemand, der schon zwei Jahre dabei ist. Dass wir eine solche Art von Hierarchie nach letzterer Logik nicht leben, sorgt manchmal anfänglich für Irritationen.

STB Web:
Wo gibt es denn regelmäßig den größten internen Diskussionsbedarf?

Michael Jenkner:
Was wir immer diskutieren, ist die Frage, welche Kund*innen wir beraten und welche Projekte wir gegebenenfalls nicht übernehmen wollen. Letzteres ist dann der Fall, wenn es sich augenscheinlich um GreenWashing handelt. Außerdem treffen wir uns einmal im Jahr zu einem Strategiemeeting, bei dem wir dann auch über die Übertragung der internen Verantwortlichkeiten diskutieren und diese gegebenenfalls neu festlegen.

Das Finanzamt hat kein Problem, Klärungsbedarf ergab sich bei der Rentenversicherung.

STB Web:
Dazu gehört auch der Rechnungswesen- und Finanzbereich, den Sie verantworten. Wie ist dieser strukturiert?

Michael Jenkner:
Tatsächlich sehr einfach, denn obwohl unser Vergütungskonzept von der Norm abweicht, handelt es sich buchhalterisch ja doch nur schlicht um Gesellschafterentnahmen beziehungsweise Ausschüttungen. Damit hat auch das Finanzamt gar kein Problem. Mehr Klärungsbedarf ergab sich dagegen bei der Rentenversicherung, da hier stets die Sozialversicherungspflicht im Raum steht, wenn Selbstständige keine Angestellte beschäftigen. Doch auch dies ließ sich mit der Clearingstelle einvernehmlich und zügig klären.

STB Web:
Ergeben sich auch handfeste Nachteile aus Ihrem Unternehmenskonzept?

Michael Jenkner:
Unser System erfordert mehr Zeit, wenn wir nach weiteren Personen suchen, die wir integrieren möchten, um weiter zu wachsen. Da wir alle sofort zu Mitgesellschafter*innen machen, steht schnell die Frage nach der Haftung im Raum, die unter Umständen auch Sachverhalte mit einschließt, die in eine Zeit fallen, bei der neue Gesellschafter*innen noch gar nicht im Unternehmen waren. Um dies künftig einfacher zu regeln, bietet sich mittelfristig eventuell die Rechtsform der Partnerschaftsgesellschaft an. Im Moment ist dieses Thema aber noch nicht drängend. Ein zweiter, perspektivisch womöglich relevanter Aspekt sind persönliche Lebensumstände von künftigen Partner*innen, die sie daran hindern, selbstständig tätig zu sein. Hier könnten wir uns dann auch ein Angestelltenverhältnis mit demselben Gehaltsmodus vorstellen.

STB Web:
Lassen Sie uns noch einmal auf Ihren Kundenkreis schauen – was sind derzeit die drängendsten Themen in Sachen Nachhaltigkeitsberatung?

Michael Jenkner:
Den meisten geht es gerade darum, ihre Nachhaltigkeitsstrategie breiter und fokussierter zu gestalten. Das erfolgt zum Teil aus intrinsischer Motivation der Geschäftsführer*innen und Inhaber*innen, zum Teil aber auch aufgrund des Drucks, den deren Kundenunternehmen oder die Kapitalgeber*innen ausüben. Sehr oft beginnen wir dann mit einer Wesentlichkeitsanalyse, bei der wir die ökonomischen, ökologischen und sozialen Risiken und Chancen konkret ermitteln und nach Relevanz gewichten. Am Ende können dadurch die finanziellen und personellen Mittel, die für eine nachhaltige Transformation zur Verfügung stehen, möglichst effektiv eingesetzt werden.

Junge Unternehmen wollen eine Mischung aus gemeinnützigen und nicht gemeinnützigen Zwecken verfolgen.

STB Web:
Glauben Sie, dass das Thema "Nachhaltigkeit" auch bei Steuerberater*innen künftig öfter auf der Agenda stehen wird?

Michael Jenkner:
Das denke ich auf jeden Fall. Denn wir sehen bei jungen Unternehmen den Trend, dass sie eine Mischung aus gemeinnützigen und nicht gemeinnützigen Zwecken verfolgen wollen. Hier gibt es eine ganze Reihe von steuerlichen Unsicherheiten und daraus erwächst großer Beratungsbedarf.

 

Michael JenknerMichael Jenkner ist Gesellschafter der plant values GbR mit Standorten in Berlin und Sachsen. Gemeinsam mit seinen drei Mitstreiter*innen tritt der Volkswirt und Nachhaltigkeitsberater mit der Vision an, Kerntreiber der Transformation zu nachhaltigem Wirtschaften zu sein.

Alexandra BubaDas Gespräch führte Alexandra Buba. Sie ist freie Journalistin und spezialisiert auf die Themen der Steuerberatungsbranche (www.medientext.com) und schreibt regelmäßig für die STB Web-Redaktion.