02.12.2021 | Interview

Nicht in einer abgeriegelten Community leben

Von Alexandra Buba / Interview mit Stefanie Bremer

Weil sie mehr davon hat als andere, will sie unbedingt über Geld reden: Stefanie Bremer* ist Anfang 30 und Millionenerbin. Privilegien in der Besteuerung von Vermögenden sind ihr ein Dorn im Auge. Sie engagiert sich deshalb mit der Initiative "taxmenow" für eine gerechtere Besteuerung, um dem Staat ausreichend Mittel für die Bewältigung von Zukunftsaufgaben zu verschaffen.

Stefanie Bremer
Stefanie Bremer, © Foto: Mathias Ziegler

STB Web:
Frau Bremer, weshalb plädieren Sie für eine stärkere Besteuerung von Wohlhabenden?

Stefanie Bremer:
Wir haben in Deutschland eine große Ungleichheit bei der Verteilung des Wohlstands. Das ist hochgradig ungerecht, und ich kann ob meiner Privilegien, die ich etwa bei der Erbschaftsteuer oder Kapitalsteuer genieße, nicht in den Spiegel schauen und sagen: Das ist ok. Tatsächlich besagen Studien, dass dem deutschen Staat jährlich etwa 80 Milliarden Euro an Steuergeld durch Lücken in der Besteuerung entgehen, Geld, das etwa für den Klimawandel, für den Bildungs- oder Pflegebereich dringend gebraucht würde. Und außerdem muss ich sagen: Ich habe keine Lust, irgendwann in der Zukunft in einer abgeriegelten Community leben zu müssen, weil der soziale Frieden verloren gegangen ist.

STB Web:
Sehen Sie diese Gefahr tatsächlich?

Stefanie Bremer:
Ja, absolut. Wir haben jetzt gesehen, wie die Corona-Krise die soziale Ungleichheit weiter verstärkt hat. Auch der Klimawandel ist ein Phänomen, das das Zeug dazu hat, wenn wir nicht gegensteuern.

Betriebe profitieren immens von den Leistungen des Staates.

STB Web:
Wo stehen die Unternehmen dabei?

Stefanie Bremer:
Im Moment profitieren Betriebe zwar ganz immens von den Leistungen des Staates, also der Infrastruktur, die sie nutzen oder vom Bildungs- und Gesundheitssystem, die für ihre Belegschaften sorgen. Umgekehrt entziehen sie sich aber oftmals ihrer Verantwortung, auch angemessen für die Finanzierung des Gemeinwesens aufzukommen, indem sie die Privilegien und Lücken voll ausnutzen, die ihnen das Steuerrecht bietet.

STB Web:
Wie müsste Ihrer Meinung nach ein gerechtes Modell aussehen?

Stefanie Bremer:
Man könnte damit beginnen, den Freibetrag bei der Erbschaftsteuer nur einmal zu vergeben, statt alle zehn Jahre erneut. Dann könnte man nicht mehr über einen längeren Zeitraum gestreckt sehr viel Geld steuerfrei übertragen. Unternehmer kommen mit dem ewig gleichen Argument, dass durch Erbschaftsteuerforderungen ein Verkauf drohen könnte – hier lassen sich schlicht die Tilgungsfristen anpassen. Alle Unternehmensformen sollten außerdem gleich besteuert werden, Kapitalsteuern ebenso progressiv gestaltet sein wie die Steuern auf Lohnarbeit.

Daneben sollte die Behandlung von Immobilien angeglichen werden. Das derzeitige Recht leistet mit der Privilegierung von größeren Immobilienbeständen der Konzentration von Wohnungen in wenigen Händen Vorschub.

Der ökologische Fußabdruck wächst mit zunehmendem Vermögen.

STB Web:
Welches Echo findet Ihre Initiative bei den Wohlhabenderen?

Stefanie Bremer:
Vorsichtig ausgedrückt, ein sehr geteiltes. Zuspruch erhalten wir überwiegend von nicht Vermögenden. Die Wohlhabenden wollen den Status Quo bewahren. Dabei übersehen sie, dass man ab einem bestimmten Vermögen nicht mehr glücklicher wird, wohl aber der ökologische Fußabdruck wächst. Hier wäre es doch besser, wenn stattdessen mehr Menschen besser leben könnten. Derzeit halten die wohlhabendsten zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland 63 Prozent des Vermögens – dazu kann ich nur sagen: Ich muss keine sechs Stück Kuchen von zehn essen, damit der Rest der Menschen sich um die Krümel balgen muss, die von meinem Teller fallen. Selbst wenn ich drei Stücke abgebe, die dann verteilt werden, und nur drei selbst esse, bekomme ich davon immer noch Bauchschmerzen.

STB Web:
Die Argumente gegen eine gerechtere Vermögensverteilung sind seit Jahrzehnten dieselben...

Stefanie Bremer:
Ja, das stimmt, Nummer eins: Der Staat geht mit dem Geld nicht gut um. Dazu kann ich sagen, ja, diese Problematik sehen wir auch, dennoch ist die Mittelverwendung dem demokratischen Prozess unterworfen. Eine Lösung wäre vielleicht, Politiker*innen künftig für Steuerverschwendung persönlich haftbar zu machen. Und die Haltung: Ich weiß aber besser als der Staat, wie ich mit meinem Geld umgehe, halte ich gelinde gesagt für arrogant.

Nummer zwei der Top-Gegenargumente ist: Das vererbte Vermögen wurde schon einmal versteuert. Auch das ist richtig, dennoch bekomme ich als Erbin oder Erbe das Geld zu einem hohen Maß steuerfrei, wohingegen die Lohneinkommen voll besteuert werden. Und es gibt ja Freibeträge: Mit 400.000 Euro kann ein Kind schon einen guten Start hinlegen. Ich behaupte: Wenn dies alle Kinder in unserem Land zur Volljährigkeit bekämen, erlebten wir eine Kulturrevolution.

Das Lobbyregister sollte man mit Zähnen ausstatten.

STB Web:
Dann droht nach eigenem Bekunden der Unternehmer*innen gern die Pleite aufgrund von dramatischen Erbschaftsteuerforderungen. Was sagen Sie dazu?

Stefanie Bremer:
Nein, dafür gibt es empirisch überhaupt keine Beweise. Es gibt Fristen, Rücklagen und die Absehbarkeit der Steuerlast. Das Problem ist eine massive Lobbyarbeit, die vorgibt, einen nicht näher definierten Mittelstand zu retten. Sie ist äußerst finanzstark und kann sich das Ohr der Politik einkaufen. Hier würde tatsächlich helfen, das Lobbyregister mit Zähnen auszustatten, den Lobbyfußabdruck auszuweisen und genau nachzuzeichnen, wann und wie oft vor einem Gesetzentwurf verantwortliche Politiker*innen noch einmal intensiv von welchen Personen informiert worden sind. So, wie es derzeit ist, schaffen es diese Stimmen, sehr viel Angst zu schüren. Ich würde mir mehr Mut seitens der Politik wünschen, zu sagen: Nein, so ist es nicht.

STB Web:
Und wie beurteilen Sie die Reaktion der Politik auf ihre Initiative "taxmenow"?

Stefanie Bremer:
Zunächst waren wir ganz optimistisch, da ja in dem einen oder anderen Wahlprogramm durchaus Ansätze für eine gerechtere Besteuerung vorhanden waren. Jetzt allerdings muss ich sagen ist es frappierend, wie sehr diese offenbar unter dem Einfluss der FDP vollständig unter den Teppich gekehrt werden. Es fehlt der Blick auf das große Ganze, die Politik ergeht sich im Wesentlichen in Klientelpolitik. Mir wäre eine Partei wichtig, die tatsächlich die Bekämpfung des Klimawandels vorn anstellt. Denn hier ist klar: Je später wir handeln, desto teurer wird es.

STB Web:
Warum tun sich Vermögende und Politik dennoch schwer damit?

Stefanie Bremer:
Mit Vermögen kommt Macht – und die wollen Menschen nur äußerst widerwillig abgeben. Tatsächlich haben die Wohlhabenden einerseits große Verlustängste und andererseits wenig Vertrauen in den Staat. Dies wird unterstützt durch starke Lobbyarbeit und Bestätigungszyklen innerhalb vermögender Gruppen. Die Politik wiederum gibt meines Erachtens der Wirtschaft zu viel Freiraum, aus Angst vor Verlusten bei der nächsten Wahl, wenn Unternehmen Reformpläne diverser Art mit der Arbeitsplatzkeule kontern.

Auch Steuerberatung sollte sich am Gemeinwohl orientieren.

STB Web:
Welche Rolle spielen hier Steuerberater*innen?

Stefanie Bremer:
Eine ausbaufähige, weil das Non-Plus-Ultra nun einmal die Steuervermeidung ist. Und Berater bilden Meinungen! Wenn ich heute meinen Steuer- oder Finanzberatern, denen ich selbstverständlich vertraue, entgegne, dass ich eben nicht unbedingt Steuern sparen will, ernte ich dafür ein müdes Lächeln oder ein Kopfschütteln, aber in jedem Fall Unverständnis. Dabei müsste es doch cool sein, Steuern zu zahlen, man müsste stolz sein, eine Bibliothek oder ein Schwimmbad mit finanziert zu haben.

STB Web:
Das ist nur dann der Fall, wenn ich das privat als Sponsor groß ausflagge...

Stefanie Bremer:
Genau, wenn es mir wieder für meine Bestätigung von außen etwas bringt. Das hat viel damit zu tun, wie wir in unserer Gesellschaft Erfolg definieren: Warum ist es erfolgreicher eine Bank zu managen als drei alte Menschen zu pflegen? Das zeigt, wie eng die Dinge verflochten sind und wie komplex die Thematik ist. 

STB Web:
Wie schätzen Sie – mittelfristig – die Erfolgsaussichten Ihrer Initiative ein?

Stefanie Bremer:
Nicht so schlecht, da wir mittelfristig genauso wie beim Klimawandel keine Wahl haben, wenn wir am Ende nicht als vermögende Minderheit in einem goldenen Käfig leben wollen. Deshalb arbeiten wir weiter und versuchen, unseren Beitrag zu leisten. Ich habe mal den Satz gehört: 'Das Einzige, was es braucht, damit das Böse gewinnt, ist, dass das Gute nichts tut.' In diesem Sinn würde ich mir wünschen, dass insbesondere die Beraterinnen und Berater im Bereich Steuern zu einer Haltung finden, in der das Gemeinwohl vorkommt.

* Stefanie Bremer tritt unter Pseudonym auf, um ihre Familie zu schützen.

Zur Initiative „taxmenow“ (www.taxmenow.eu) gehören neben der 32-Jährigen weitere 50 Millionärinnen und Millionäre aus Deutschland und Österreich, die für eine intensivere Besteuerung Wohlhabender eintreten. Im Rahmen einer Online-Petition haben sie bereits 20.000 Unterschriften gesammelt, um ihre Vision von Steuergerechtigkeit voranzubringen.

Alexandra BubaDas Gespräch führte Alexandra Buba. Sie ist freie Journalistin und spezialisiert auf die Themen der Steuerberatungsbranche (www.medientext.com) und schreibt regelmäßig für die STB Web-Redaktion.