28.11.2019 | Interview

Studie zur Kanzleinachfolge: Bitte nicht nach mir die Sintflut

Von Alexandra Buba / Interview mit Alexander Jost

Eine Studie der Jost AG hat herausgefunden, dass nur etwa jede zehnte Kanzlei aktuell über eine Strategie verfügt, wie es nach dem Ausscheiden des Inhabers oder der Inhaberin weitergehen soll. Außerdem wünschen sich nur fünf Prozent der Beraterschaft eine Nachfolge im Familienkreis. Das sind alarmierende Befunde innerhalb eines Berufsstandes, der immer noch überwiegend aus Einzelkanzleien besteht – bei denen sich naturgegebenermaßen alles um eine Spitze dreht.

(Foto: © iStock.com/wildpixel)

STB Web:
Herr Jost, warum schieben Kanzleichefs das Thema "Nachfolgeregelung" auf die lange Bank?

Alexander Jost:
Es ist fiktiv und hat wenig mit den Aufgaben zu tun, die die Berater ansonsten im Alltagsgeschäft bewältigen. Für viele ist es auch mit einer Menge Unsicherheit besetzt, und zwar in doppelter Hinsicht. Denn es gilt, eine Perspektive für die Zukunft der eigenen Kanzlei zu entwickeln und den persönlichen weiteren Lebensweg zu in einer neuen Rolle planen. 

STB Web:
Was können Sie an dieser Stelle für einen Rat geben?

Alexander Jost:
Sich frühzeitig mit dem Thema 'Nachfolge' zu beschäftigen. Wir erleben derzeit den Beginn einer Schwemme von Kanzleien, die Demographie bedingt gerade auf den Markt kommen. Das drückt selbstverständlich die Preise. Es wird für viele Kanzleien zunehmend schwieriger, noch einen Käufer zu finden, denn das Angebot wächst und die Nachfrage geht eher zurück.

STB Web:
Woran liegt das?

Alexander Jost:
Die jüngeren Berater streben nicht mehr automatisch eine Selbstständigkeit an. Für einige ist eine Festanstellung bei einer größeren Beratungsgesellschaft bei sicherem - und vergleichbarem - Einkommen mit geregelten Arbeitszeiten attraktiver als die unwägbaren Anforderungen und die ungleich höhere zeitliche Belastung, die die Führung einer eigenen Kanzlei mit sich bringt. Die jüngere Generation legt mehr Wert darauf, Privates und Berufliches in Einklang zu bringen, als ihre Vorgänger. 

STB Web:
Bedeutet das im Umkehrschluss, dass die jungen Steuerberater die Anstellung bevorzugen?

Alexander Jost:
Die eigene Kanzlei oder eine Beteiligung ist für junge Steuerberater durchaus noch erstrebenswert, da laut Studie über neunzig Prozent der 'kanzleilosen' Steuerberater auf der Suche nach einem Kauf oder einer Teilhabe sind. Hier stellte sich heraus, dass es ohne Hilfe äußerst schwierig ist, die passende Kanzlei zu finden und der Wunsch nach Unterstützung vordergründig ist.

STB Web:
Lassen Sie uns auf die andere Seite zurückkehren, zu denjenigen, die nicht den Einstieg, sondern den Ausstieg finden müssen. Welche Wünsche und Befürchtungen begegnen Ihnen bei diesen häufig?

Alexander Jost
Foto: Alexander Jost

Alexander Jost:
Es ist keineswegs, dass eine Einstellung nach dem Motto 'nach mir die Sintflut' vorherrschen würde. Die Berater, mit denen wir sprechen, spüren ein großes Maß an Verantwortung: für ihre Mitarbeiter, ihre Mandanten und auch ihre Familie. Sie wissen nur nicht, wie sie dieser gerecht werden sollen. Das erzeugt ein Unbehagen.

In unserer Studie haben wir herausgefunden, dass nur ein geringer Teil von fünf Prozent eine Übergabe der Kanzlei im Familienkreis anstrebt. Das hat verschiedene Ursachen, unter anderem liegt es daran, dass Kinder heute selbstverständlich eigene Karrierewege planen und sich nicht mehr automatisch an dem orientieren, was ihre Eltern aufgebaut haben – selbst, wenn diese ein erfolgreiches Unternehmen oder eine Kanzlei ist. Die meisten Berater wünschen sich einen Nachfolger aus dem eigenen Stall.

STB Web:
Die es häufig aber so nicht gibt...

Alexander Jost:
Ich stimme zu, leider. Denn laut unserer Studie würde über die Hälfte der Antwortenden am liebsten einen jüngeren Mitarbeiter einstellen, der später die Nachfolge antreten soll, getan hat das bislang tatsächlich nur etwa ein Siebtel.

STB Web:
Woran liegt das?

Alexander Jost:
Das haben wir nicht untersucht. Meiner Erfahrung nach ist der Bewerbermarkt ausgedünnt, es gilt dasselbe wie schon für die generelle Bereitschaft zur Selbstständigkeit. Die Anstellung in einer größeren oder mittelgroßen Gesellschaft ist heute vielfach hoch dotiert und risikoarm. Da kann die freiberufliche Einzelkanzlei in den Augen vieler nicht mithalten.

STB Web: 
Inwiefern?

Alexander Jost:
Wir haben in der Studie gesehen, dass der Zeithorizont, den die Befragten für optimal halten, um die Nachfolge zu regeln, sich mit zunehmendem Lebensalter immer weiter nach hinten schiebt. Jüngere Berufsangehörige unter 45 meinen noch mehrheitlich, ein guter Zeitpunkt die Nachfolge zu regeln, wäre zwischen 50 und 55. Die älteren haben dies bereits verpasst und geben auch einen viel späteren Punkt im Leben an.

STB Web:
Was hilft gegen die Aufschieberitis?

Alexander Jost:
Das ist höchst unterschiedlich. Für manche ist sicherlich die Hinzunahme eines externen Beraters hilfreich, insbesondere, wenn schon ein bestimmtes Lebensalter erreicht ist und die Nachfolge drängt. Ein außenstehender Dritter kann für den erforderlichen Druck sorgen. Hilfreich kann auch der Erfahrungsaustausch mit Kollegen sein. Zu erfahren, wie andere in derselben Situation konkrete Schritte für sich gefunden haben und diese erfolgreich gegangen sind, bestärkt in dem Willen, selbst aktiv zu werden, und baut mentale Hürden ab.

Alexander JostAlexander Jost ist Vorstand der Jost AG, die seit über zwei Jahrzehnten Kanzleien bei der Regelung ihrer Nachfolge begleitet. Für die Studie "Nachfolgemanagement in Steuerkanzleien 2019" ließ die Aktiengesellschaft über das Institut für Freie Berufe (IFB) in Nürnberg 662 Inhaber von Kanzleien befragen. Sie kann bezogen werden unter: www.jost-ag.com/studie

Alexandra BubaDas Gespräch führte Alexandra Buba. Sie ist freie Journalistin und spezialisiert auf die Themen der Steuerberatungsbranche (www.medientext.com) und schreibt regelmäßig für die STB Web-Redaktion.