23.04.2020 | Interview

Die Gemeinwohlbilanz als werteorientiertes Entwicklungstool

Von Alexandra Buba / Interview mit Thomas Mönius *

Seit 2010 gibt es die sogenannte Gemeinwohl-Ökonomie als alternatives Wirtschaftssystem, rund 500 Unternehmen im deutschsprachigen Raum haben bereits eine sogenannte Gemeinwohlbilanz erstellt. Im Gegensatz zu anderen Möglichkeiten, das eigene nachhaltige Wirtschaften zu beschreiben, gibt diese sich nicht mit dem Status quo zufrieden. Vielmehr ziele die Gemeinwohlbilanz auf Entwicklung, kenne ein Zertifikat und Hausaufgaben, weiß Berater Thomas Mönius aus Nürnberg.

Nicht Gewinnmaximierung, sondern das Wohl von Mensch und Umwelt ist oberstes Ziel des Wirtschaftens in der Gemeinwohl-Ökonomie. (Foto: © iStock.com/Wavebreakmedia)

STB Web:
Herr Mönius, was verbirgt sich hinter der Gemeinwohlökonomie, und was unterscheidet sie vom "normalen" Wirtschaften eines "ehrbaren Kaufmanns", wie ihn etwa die IHKs beschreiben?

Thomas Mönius:
Die Gemeinwohlökonomie setzt anstelle des Gewinnstrebens das Streben nach Gemeinwohl. Das klingt abstrakt, erklärt sich aber, wenn man betrachtet, wie sehr sich die Werte von Wirtschaft und Gesellschaft in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten auseinanderentwickelt haben.

So würde niemand im Familien- oder Freundeskreis offen mit "Geiz-ist-geil" argumentieren, wenn Geschenke zu verteilen sind. Diese Wertekluft zwischen Gesellschaft und Wirtschaft will die Gemeinwohlökonomie schließen und das unternehmerische Handeln wieder stärker in die Gesellschaft einbetten. Zweiter wichtiger Aspekt ist, dass die Wirtschaft für die Folgen aufkommen muss, die sie in der Ökosphäre verursacht – das ist bislang ja nur sehr eingeschränkt der Fall.

STB Web:
Lässt sich das alles im Detail beschreiben?

Thomas Mönius:
Natürlich. Zentral ist die Frage: "Welche Werte dienen wirklich unserem Wohlbefinden?" Ist das ausschließlich ein stetig wachsender Gewinn oder sind es beispielsweise auch eine intakte Umwelt und Diversität? Momentan messen wir unseren Wohlstand am Bruttoinlandsprodukt – ungeachtet der Tatsache, dass darin auch die Herstellung von schädlichen Dingen, etwa Rüstungsgütern, enthalten ist.

STB Web:
Das ändert aber auch die Gemeinwohlbilanz nicht, oder?

Thomas Mönius:
Sie wird als Bericht von Unternehmen anhand einer Wertematrix erstellt, in der sich alle Bereiche des Unternehmens wiederfinden. Die vier wichtigen Perspektiven in der Horizontalen sind: Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, Ökologische Nachhaltigkeit, sowie Demokratische Mitbestimmung und Transparenz. Vertikal wird das dann herunter gebrochen auf LieferantInnen, EigentümerInnen inklusive GeldgeberInnen, MitarbeiterInnen, KundInnen sowie das gesellschaftliche Umfeld. Und ja: Es wäre schön, wenn das der mittelfristige Maßstab würde.

STB Web:
Am Ende steht ein Testat...

Thomas Mönius:
Ja, die Unternehmen müssen auf der Grundlage dieser Matrix einen Bericht verfassen, für jedes der 20 Felder gibt es Punkte, die den Umsetzungsgrad beschreiben. Insgesamt sind minus 3.600 bis plus 1.000 Punkte möglich Negative Ergebnisse sind also denkbar, eine "Null" ist nicht einmal so schlecht. Sie wird erteilt, wenn ein Unternehmen gerade die gesetzlichen Anforderungen erfüllt und nichts darüber hinaus tut. Durchfallen in dem Sinne gibt es übrigens nicht. Das Testat wird von unseren AuditorInnen ausgestellt und gilt für zwei Jahre.

"Andere Nachhaltigkeitsberichte können Greenwashing sein" 

STB Web:
Warum Bepunktung und Zertifizierung. Ist das nicht bürokratisch?

Thomas Mönius
Foto: Thomas Mönius

Thomas Mönius:
Die Bewertung durch Punkte zeigt deutlich auf, wie weit sich die Unternehmen bei den jeweiligen Themen schon entwickelt haben und bei welchen Themen noch Potenzial ist. Damit die externe Überprüfung der Bewertung dokumentiert werden kann, gibt es das Testat. Die Gemeinwohlökonomie ist eine Bewegung von unten, die auf ein 2010 veröffentlichtes Buch von Christian Felber zurückgeht. Mittlerweile hat die Initiative etwa 11.000 Unterstützerinnen und Unterstützer, denen eines ganz wichtig ist: Die Gemeinwohlbilanz darf kein Greenwashing-Tool sein, wie viele andere Nachhaltigkeitsberichte, die größere Unternehmen ja verpflichtend abgeben müssen. Sie berichten dabei oft nur über das, was sie gut machen, und blenden die Negativaspekte aus. Was wir wollen, ist Entwicklungsperspektiven aufzeigen, um schlussendlich das Wirtschaften zu verändern.

STB Web:
Und dabei folgen Ihnen die Unternehmen?

Thomas Mönius:
Immer mehr. Wir sehen einen stetigen Zulauf und entwickeln selbst unser Instrumentarium immer weiter fort. Neben privatwirtschaftlichen Unternehmen haben wir inzwischen auch Kommunen und öffentlich-rechtliche Betriebe zertifiziert.

STB Web:
Wie finden Unternehmen denn zur Gemeinwohlökonomie?

Thomas Mönius:
Das ist natürlich im Alleingang durch Lektüre und Umsetzung des Konzepts von Felber möglich. Wer wirklich zertifiziert werden will, muss dazu Mitglied in einem unserer regionalen Vereine werden – das deckt Kosten, bringt aber auch die unbedingte Transparenz. Denn wer mit uns anfängt zu arbeiten, verpflichtet sich auch, die Ergebnisse öffentlich zu machen. Am effektivsten ist es für Unternehmen aus meiner Sicht, sich zu Peer Groups zusammenzuschließen. Das passiert unter unserer Regie, die Beurteilung der jeweils anderen Firmen übernehmen die TeilnehmerInnen selbst. Selbstverständlich ist auch die individuelle Begleitung durch unsere BeraterInnen möglich.

SteuerberaterInnen – mehr als nur Zahlenlieferanten

STB Web:
Wo sehen Sie die SteuerberaterInnen eines Unternehmens auf diesem Weg?

Thomas Mönius:
Ganz unmittelbar stehen sie uns natürlich als Zahlenlieferanten zur Seite, denn wir fragen ja zum Beispiel den Fremdkapitalanteil, den Cashflow oder die Einkaufsvolumina ab. Neben diesen ganz einfachen, praktischen Dingen können Steuerberaterinnen und -berater ihre Mandantschaft aber noch viel stärker unterstützen, indem sie sich mit dem Thema beschäftigen und etwa Investitionsentscheidungen im Sinne der Gemeinwohlökonomie begleiten. Bei Unternehmen ab 500 Mitarbeitern, die zur Nachhaltigkeitsberichterstattung verpflichtet sind, können sie außerdem diese Form empfehlen und mit erarbeiten.

STB Web:
Gibt es irgendein niedrigschwelliges Einstiegstool, das Sie empfehlen könnten?

Thomas Mönius:
Auf unserer Homepage www.ecogood.org findet sich der Zugang zu einem kurzen Selbsttest für Unternehmen, das ist schon ein ganz guter Anfang, auf den sich aufbauen lässt.

 

Thomas MöniusThomas Mönius ist Gemeinwohlberater in der Metropolregion Nürnberg. Als langjähriger Niederlassungsleiter und Private Banking-Leiter bei der HypoVereinsbank AG entstammt der Diplom-Kaufmann der Sphäre der klassischen Betriebswirtschaft. Kontakt: thomas.moenius@ecogood.org

Alexandra BubaDas Gespräch führte Alexandra Buba. Sie ist freie Journalistin und spezialisiert auf die Themen der Steuerberatungsbranche (www.medientext.com) und schreibt regelmäßig für die STB Web-Redaktion.


Hinweis: Beachten Sie bitte das Datum dieses Artikels. Er stammt vom 23.04.2020, sodass die Inhalte ggf. nicht mehr dem aktuellsten (Rechts-) Stand entsprechen.