21.11.2012 | Weinkolumne

Der Kerner - Ein Nischenwein holt Gold

Von Viola C. Didier, Stuttgart *

Es gibt nicht viele Lebensmittel, die wirklich große Überraschungen bereithalten. Bei Pralinen ist es die Füllung, die unerwartete Momente bescheren kann, bei Weinen ist fraglich, ob der Geschmack hält, was der Duft verspricht. Sie mögen Überraschungen? Dann werden Sie den Kerner lieben!

Geliebt, gehasst, prämiert - der Kerner. (Foto: © mdi - Fotolia.com)

Neulich folgte ich einem Geheimtipp eines Kollegen, der mir hinter vorgehaltener Hand das Goldberg, eine Winelounge in Fellbach bei Stuttgart ans Herz legte. Winelounge wohl gemerkt – keine Weinstube! Und tatsächlich überrascht das Goldberg mit einer atemberaubend stimmigen Innenarchitektur und einer große Auswahl von Spitzenweinen „by the glass“. Gekonnt stellt man dort bodenständige Weine regionaler Winzer in eine aufschlussreiche Beziehung zu denen der internationalen Topwinzer. Nebenbei werden verschiedene  Tapas und andere Kleinigkeiten zum Wein angeboten, der aber stets die Hauptrolle in der Winelounge spielt. Ich entschied mich zunächst für eine mit Aromen spielende asiatische Leckerei, zu der mir ein Kerner empfohlen wurde.

Ein neues Jahrtausend als neue Chance

„Ein Kerner?“, fragte ich ungläubig. Das uneheliche Kind von Trollinger und Riesling, wie ihn einst provokant die Stuttgarter Zeitung beschimpfte. Vor knapp 90 Jahren war die Kerner-Rebe in Weinsberg kreiert worden und erlebte in den Siebzigern einen regelrechten Boom - leider eher als verkannter Bowle-Wein denn als charaktervolle Rebe. Und so verschwand der Kerner mit dem Siegeszug des trockenen Rieslings auch wieder aus den Weinregalen der Händler. Pünktlich zum Millennium jedoch belebten die Weinsberger ihren Kerner wieder und der Wein fand aufs Neue seine Fans.

Gold für Gold

In diesem Fall servierte man mir die perfekt temperierte 2011er Kerner >S< Spätlese der Fellbacher Weingärtner. Der fast schon barock golden glänzende Wein gewann im August dieses Jahres sogar die Goldmedaille bei der Berliner Wein Trophy. Eigen ist dieser Wein mit seinen knapp 40 Gramm Restzucker, aber auch spritzig, sehr fruchtig und feinwürzig. Er duftet leicht nach Orangen und Apfel mit einer Prise Muskat, erinnert im Geschmack an Zitrusfrüchte und Mirabellen. Kurzum: Wer trockene Weißweine liebt und sich auf keine Experimente einlassen möchte, der dem sei der Kerner sicher nicht empfohlen. Alle diejenigen Weinliebhaber, die sich gerne auf etwas Neues einlassen möchten und eher fruchtigen Weinen den Vorzug geben, sei der Kerner ans Herz gelegt. Ein überraschender und zugleich raffinierter Begleiter zu würzigem Käse oder exotischem Fingerfood, der in mir einen neuen Fan gewinnen konnte.


* Über die Autorin:

Die Juristin Viola C. Didier arbeitet in Stuttgart als freie Journalistin und gründete 2003 das spezialisierte Redaktionsbüro RES JURA für Recht, Steuern und Wirtschaft. (www.resjura.de). Sie twittert unter @RES_JURA


Mehr über die STB-Web-Weinkolumne lesen Sie hier: "Wein und Steuern – eine verheißungsvolle Verbindung"

 

(STB Web)