24.09.2026 | Kolumne
Von Cordula Schneider
KI verändert die Arbeit in Steuerkanzleien. Wenn bestimmte Tätigkeiten dadurch deutlich schneller erledigt werden können, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob eine Abrechnung nach Zeitaufwand noch zeitgemäß ist. Kanzleiberaterin Cordula Schneider plädiert dafür, den Blick stärker auf Verantwortung und den Nutzen für Mandanten zu richten. Ihr Beitrag versteht sich dabei als Impuls, die eigene Abrechnungspraxis im Zuge des zunehmenden KI-Einsatzes neu zu betrachten und sich auf Fragen der Mandantschaft vorzubereiten.
Es ist ein ganz normaler Dienstagmorgen. Du sitzt deinem Mandanten gegenüber, hast gerade die aktuellen Zahlen besprochen – und dann kommt sie: Die Frage, auf die du dich eigentlich schon länger hättest vorbereiten sollen: "Ich lese überall, dass KI jetzt die Buchhaltung macht. Wird das dann nicht günstiger bei euch?"
Keine Provokation, sondern aus Sicht des Mandanten eine logische Schlussfolgerung aus dem, was er in den letzten Monaten aufgeschnappt hat. Und trotzdem sitzt die Frage, denn sie trifft genau den Punkt, der gerade viele Kanzleien beschäftigt: Wenn KI schneller macht, was früher Zeit gekostet hat, was passiert dann mit dem Honorar?
Die gute Nachricht: Du musst auf diese Frage keine Rabatte anbieten, Du musst sie nur richtig beantworten. Dafür brauchst du kein neues Preismodell aus dem Stegreif, sondern vor allem eines: ein neues Denken über Wert, Wirkung und darüber, wofür Mandanten wirklich zahlen.
Stell dir vor, eine Mitarbeiterin braucht für eine Buchhaltung bisher sechs Stunden. Mit KI-Unterstützung schafft sie dieselbe Aufgabe in eineinhalb Stunden. Klingt erst mal großartig – 75 Prozent weniger Zeitaufwand, mehr Kapazität, weniger Stress.
Aber jetzt kommt die unbequeme Rechnung: Wer nach Stunden abrechnet, verliert mit genau diesem Effizienzgewinn bares Geld. Viereinhalb Stunden weniger Aufwand bedeuten viereinhalb Stunden weniger Honorar pro Buchhaltung, Monat und Mandant. Hochgerechnet auf zehn Mitarbeitende, einen Stundensatz von 100 Euro und je 15 Buchführungsmandate ergibt das – rein rechnerisch – einen theoretischen Umsatzverlust von gut 800.000 Euro im Jahr. Allein für die Fibu, ohne Lohn, Jahresabschluss und Einkommensteuer.
Das ist eine Entwicklung, die sich meiner Überzeugung nach in den nächsten zwei bis drei Jahren in vielen Kanzleien leise, aber spürbar bemerkbar machen wird. Und das Tückische daran: Die Honorarverluste kommen zuerst, während die tatsächlichen Effizienzgewinne folgen.
Das eigentliche Problem ist aber nicht die KI, sondern die Abrechnungslogik: Wer Zeit verkauft, verliert, wenn weniger Zeit gebraucht wird. Wer Wirkung verkauft, gewinnt – denn die Wirkung bleibt dieselbe, egal wie lange die Kanzlei dafür gebraucht hat. Genau hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen einer Stundensatz-Kanzlei und einer Festhonorar-Kanzlei: Die eine finanziert die KI-Effizienz für ihre Mandanten, die andere steckt sie in die eigene Marge.
KI verändert nicht nur, wie Kanzleien arbeiten, sondern auch, wie Mandanten Leistung wahrnehmen. Daraus ergeben sich aus meiner Sicht vier Entwicklungen für die Praxis:
Diese vier Trends zeigen: Der Wert der Steuerberatung verlagert sich klar von der Deklaration zur Einordnung und Beratung. Wer das versteht, hat keine Angst vor der nächsten Mandantenfrage.
Fragen wie "Das macht doch jetzt alles die KI, oder?" und "Wenn's schneller geht, müsste es doch günstiger werden?" werden kommen. Es lohnt sich deshalb, sich auf solche Fragen von Mandanten frühzeitig vorzubereiten und gemeinsam im Team passende Antworten zu entwickeln. Was sagen wir, wenn ein Mandant fragt, warum eine Leistung trotz KI-Unterstützung nicht günstiger wird? Wie erklären wir, welchen Wert Beratung, Einordnung und Verantwortung haben? Wer sich darauf vorbereitet, kann solche Gespräche souveräner führen.
Wenn du dein Honorar zukunftsfest aufstellen willst, brauchst du mehr als eine neue Preisliste. Es braucht ein neues Denken und einen konkreten Fahrplan. Hier sind sechs Schritte, die dir dabei helfen:
Der Wechsel vom Stunden- zum Wirkungsdenken passiert nicht über Nacht. KI macht vieles schneller, aber sie macht nicht alles billiger. Zumindest nicht für dich, wenn du jetzt die richtigen Weichen stellst.
Die Kanzleien, die in den nächsten Jahren wirtschaftlich stark bleiben, sind meiner Überzeugung nach nicht die mit den besten Tools. Es sind die, die ihren Wert klar benennen, souverän kommunizieren und konsequent nach Wirkung abrechnen, statt nach Minuten.
Was dabei zählt, ist die Haltung: Wer versteht, dass Steuerberatung nie eine Frage der Zeit war, sondern immer eine Frage des Urteils, der Einordnung und der Verantwortung, hat keine Angst vor KI – er nutzt sie.
Cordula Schneider ist Kanzleiberaterin und Partnerin des delfi-net Steuerberater-Netzwerk mit rund 90 Kanzleien bundesweit. Ihr Schwerpunkt ist die Honorarberatung. Davor führte Sie als Steuerberaterin eine eigene Kanzlei. Kontakt auf LinkedIn