30.07.2026 | Kolumne
Von StB Dr. Daniel Kubitza
Die Ansprüche junger Steuerberaterinnen und Steuerberater haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Ein gutes Gehalt allein reicht heute oft nicht mehr aus, um Talente langfristig zu binden. Junge Berufsträger suchen mehr: Entwicklung, Verantwortung, Sinn, Flexibilität und eine echte Perspektive für ihre berufliche Zukunft. Kanzleien, die diese Erwartungen verstehen, verschaffen sich im Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeitende einen klaren Vorteil.
Früher stand in der Steuerberatung häufig die klassische Laufbahn im Vordergrund: Ausbildung, Berufsexamen, Aufstieg zum Senior, vielleicht irgendwann Partnerschaft. Diese Logik funktioniert heute nur noch eingeschränkt. Nach meiner Erfahrung wollen viele junge Steuerberaterinnen und Steuerberater heute nicht mehr einfach in vorgezeichneten Strukturen mitlaufen, sondern aktiv mitgestalten. Sie wollen früh Verantwortung übernehmen, ihre fachlichen und unternehmerischen Fähigkeiten entwickeln und sehen, wohin ihr Weg führen kann. Für Kanzleien bedeutet das, Entwicklungsperspektiven früh aufzuzeigen und nachvollziehbar zu gestalten.
Ein attraktives Karrieremodell muss deshalb mehr bieten als nur Sicherheit. Es braucht Transparenz. Junge Berufsträger wollen verstehen, welche Entwicklungsschritte möglich sind, welche Erwartungen an sie gestellt werden und wie aus Leistung und Engagement langfristig echte Perspektive entsteht. Ein klar strukturierter Partner-Track oder ein stufenweises Beteiligungsmodell kann hier ein starkes Signal senden. Es zeigt: Wer Verantwortung übernimmt und sich bewährt, kann nicht nur mitarbeiten, sondern mitgestalten und mitwachsen.
Gerade die Frage der Beteiligung wird aus meiner Sicht häufig unterschätzt. Denn viele junge Steuerberater haben nicht den Wunsch, sofort Kapital einzubringen oder direkt in eine klassische Gesellschafterrolle einzusteigen. Gleichzeitig wollen sie aber auch nicht auf Dauer reine Angestellte bleiben. Genau hier liegt die Chance moderner Kanzleimodelle: Beteiligung kann heute auch schrittweise, leistungsbezogen und ohne sofortige Kapitalhürde gestaltet werden. Das schafft Zugänglichkeit und macht den Einstieg attraktiver. Wer heute noch nicht investieren will, kann später dennoch Eigentum aufbauen und unternehmerisch mitdenken.
Neben der finanziellen Perspektive spielt die Kultur einer Kanzlei eine immer größere Rolle. Junge Berufsträger achten sehr genau darauf, wie Führung gelebt wird. Sie wollen keine starren Hierarchien und keine Kultur des reinen Abarbeitens. Stattdessen suchen sie ein Umfeld, in dem Austausch, Entwicklung und Feedback selbstverständlich sind. Eine moderne Kanzlei muss daher nicht nur in Strukturen investieren, sondern auch in ihre Haltung. Führung heißt heute nicht mehr nur Kontrolle, sondern Orientierung, Förderung und Vertrauen.
Auch Flexibilität ist zu einem wichtigen Faktor geworden. Junge Steuerberater wollen beruflich ambitioniert sein, aber nicht um den Preis dauerhafter Überlastung. Sie erwarten planbare Arbeitsbedingungen, digitale Arbeitsmöglichkeiten und einen professionellen Umgang mit Belastungsspitzen. Kanzleien, die hier überzeugende Lösungen bieten, sind deshalb deutlich attraktiver. Denn sie zeigen, dass Leistung und Lebensqualität kein Widerspruch sein müssen. Gerade in einer anspruchsvollen Branche wie der Steuerberatung ist das ein entscheidender Unterschied.
Hinzu kommt der Wunsch nach Sinn und Identifikation. Junge Fachkräfte möchten nicht nur irgendeine steuerliche Dienstleistung erbringen. Sie wollen verstehen, welchen Beitrag ihre Arbeit für Mandanten, Unternehmen und die Kanzlei insgesamt leistet. Wer diese Sinnfrage ernst nimmt, kann seine Arbeitgebermarke deutlich stärken. Dann geht es nicht nur um Positionen und Aufgaben, sondern um gemeinsame Ziele, Verantwortung und Entwicklung.
Für mich ergibt sich daraus eine klare Konsequenz für Kanzleien: Recruiting darf nicht mehr isoliert gedacht werden. Es reicht nicht, Stellenanzeigen zu schalten und auf Bewerbungen zu hoffen. Erfolgreiche Kanzleien entwickeln ein klares Karriereversprechen. Sie zeigen, warum es attraktiv ist, bei ihnen einzusteigen, zu bleiben und sich weiterzuentwickeln. Dazu gehören transparente Entwicklungspfade, Beteiligungsmodelle, moderne Arbeitsbedingungen und eine Führungskultur, die Vertrauen schafft.
Gerade angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels bin ich überzeugt, dass die Frage nach attraktiven Karriereperspektiven längst eine strategische Aufgabe für Kanzleien ist. Wer junge Berufsträger gewinnen will, muss mehr bieten als den Status quo. Die besten Talente entscheiden sich für Kanzleien, die Zukunft sichtbar machen. Sie wollen nicht nur fachlich arbeiten, sondern beruflich wachsen. Sie wollen nicht nur angestellt sein, sondern sich als Teil einer unternehmerischen Idee verstehen. Und sie wollen Arbeitgeber, die diesen Wunsch ernst nehmen.
Zum Autor:
Dr. Daniel Kubitza ist Gründer und Geschäftsführer der KONTAX Gruppe (www.kontax.de), einer überörtlichen Steuerberatungsgesellschaft mit rund 120 Mitarbeitenden im Rheinland. Er ist zudem Gründer von KONNEXT (www.konnext.de), einer Plattform für Kanzleinachfolge, Host der Podcasts "Die Steuermannschaft" und "Chefgespräche" (www.danielkubitza.de), Lehrbeauftragter für Unternehmenssteuern in einem MBA-Programm sowie Mentor für Gründer und Unternehmer.