25.06.2026 | Branchenentwicklung

Zukunftsfähige Steuerkanzleien: Mehr als nur Digitalisierung

Zusatzinfo
Agenda Informationssysteme

Von Andreas Hermanutz

Digitale Prozesse, automatisierte Abläufe und der zunehmende KI-Einsatz verändern nicht nur Arbeitsweisen, sondern auch Mandantenerwartungen und Kanzleistrukturen. Deshalb ist die Zukunftsfähigkeit einer Kanzlei weniger eine Frage einzelner Technologien als vielmehr eine komplexe unternehmerische Herausforderung.

Andreas Hermanutz, Quelle: Wolters Kluwer
Foto: Andreas Hermanutz, Quelle: Wolters Kluwer

Aktuell zeigt sich, dass klassische Kanzleistrukturen, die über Jahrzehnte hinweg Stabilität garantiert haben, zunehmend an ihre Grenzen geraten. Ein Wachstum durch mehr Personal, Erfahrung und langjähriges Wissen in den Köpfen einzelner Leistungsträger ist kaum noch skalierbar. 

Zwar gehören digitale Lösungen inzwischen zum Alltag – etwa in Belegprozessen, beim Datenaustausch oder in der Finanzbuchhaltung. Für eine nachhaltige Zukunftssicherung reicht es jedoch nicht aus, bestehende Abläufe lediglich technisch abzubilden. 

Standardisierte Leistungen unter Preisdruck

Gerade weil standardisierte Leistungen wie die laufende Finanzbuchhaltung oder einfache Steuererklärungen immer stärker automatisiert und von KI übernommen werden können, geraten sie zunehmend unter Preisdruck. Dagegen steigt die Nachfrage nach individueller Beratung, etwa bei Fragen und Anliegen zur Gestaltungs- und Prozessberatung, der Unternehmensberatung sowie bei strategischen Fragen. Hier entsteht zunehmend der eigentliche Mehrwert. Kanzleien, die sich unternehmerisch nicht darauf einstellen, laufen Gefahr, im wenig profitablen Massengeschäft hängenzubleiben. Und das bei gleichzeitig steigenden Anforderungen und immer knapperen personellen Ressourcen.

Zukunftsorientierte Kanzleien unterscheiden deshalb zwischen standardisierbaren Routinetätigkeiten und individueller Beratungsleistung. Digitalisierung allein genügt nicht. Sie bildet den strategischen Rahmen, entscheidend ist jedoch, Prozesse, Zuständigkeiten und Leistungsangebot regelmäßig zu überprüfen und weiterzuentwickeln.

Mandanten vergleichen eine Kanzlei längst nicht mehr mit dem Steuerberaterkollegen, sondern messen sie an digitalen Nutzererfahrungen aus anderen Lebensbereichen; sie erwarten transparente, digitale und effiziente Abläufe.

Produktivität und Beratungsqualität neu austarieren

Automatisierte Prozesse und KI‑gestützte Anwendungen eröffnen zugleich neue Spielräume für die Beratung. Richtig eingesetzt, können sie Routinetätigkeiten reduzieren, Daten schneller strukturieren und auf Auffälligkeiten hinweisen. Die fachliche Verantwortung, Bewertung und individuelle Beratung bleiben dabei klar Aufgabe der Steuerberaterinnen und Steuerberater. Der Mehrwert liegt vor allem darin, Zeit gezielter für hochwertige Beratungsleistungen zu nutzen und Mandantinnen und Mandanten aktiver zu begleiten.

Ein Praxisbeispiel: Bei einem Mandanten fällt ein Margenrückgang auf. KI markiert die Abweichung automatisch und generiert einen Vorschlag für die Analyse. Der Berater geht vorbereitet ins Gespräch, berät proaktiver statt reaktiv und die Qualität steigt bei gleichzeitig geringerem Zeitaufwand.

Zukunftsfähig Schritt für Schritt

Kanzleien, die ihre Zukunftsfähigkeit bewusst gestalten, setzen sich vor allem frühzeitig mit grundlegenden Fragen auseinander. Statt alles auf einmal verändern zu wollen, arbeiten sie an überschaubaren, aber kontinuierlichen Verbesserungen. Dabei geht es nicht nur um den Stand der Digitalisierung, sondern ebenso um Organisation, Personal und Geschäftsmodell.

So sollten Kanzleien regelmäßig prüfen, ob ihre Kernprozesse durchgängig digital und effizient organisiert sind, wie konsequent sie KI und andere digitale Werkzeuge bereits einsetzen und ob Mitarbeitende auf Grundlage klar definierter Prozesse arbeiten oder ob wesentliche Abläufe noch stark vom Erfahrungswissen einzelner Personen abhängen.

Ebenso wichtig sind Fragen der Mandantenkommunikation, der Arbeitgeberattraktivität und der Kanzleisteuerung. Dazu gehören etwa die Nutzung aussagekräftiger Kennzahlen, eine klare Trennung von Standard- und Beratungsleistungen sowie die Überlegung, welche Kompetenzen künftig aufgebaut werden müssen. Auch strategische Entscheidungen zu Spezialisierung, Kooperationen oder Skalierung können eine wichtige Rolle spielen.

Eine regelmäßige und ehrliche Bestandsaufnahme hilft dabei, die eigene Position realistisch einzuschätzen und Verbesserungspotenziale frühzeitig zu erkennen.


Ergänzende Informationen und Arbeitshilfe:

Das Whitepaper "Risiken und Chancen für Kanzleien 2026" von Wolters Kluwer enthält eine weiterführende Checkliste zur Selbsteinschätzung sowie Hinweise auf mögliche Handlungsfelder. Es kann hier kostenlos per E-Mail angefordert werden.

Autor

Foto: Andreas Hermanutz / Quelle: Wolters KluwerAndreas Hermanutz ist Geschäftsführer bei der Wolters Kluwer Tax & Accounting Deutschland GmbH (www.wolterskluwer.de).