26.03.2026 | Interview

»Geschwindigkeit ist nicht gleich Kompetenz«

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Von Manuel Maurer / Interview mit Sonja Bruns

Künstliche Intelligenz liefert Antworten in Sekunden, doch echte Kompetenz entsteht anders. Im Interview erklärt TeleTax-Geschäftsführerin und Fortbildungsexpertin Sonja Bruns, wie strukturierte Fortbildung in einer sich stark wandelnden und stets unter Zeitdruck stehenden Branche gelingt und welche Zukunftskompetenzen in den nächsten Jahren über den Erfolg entscheiden.

Sonja Bruns, TeleTax GmbH
Foto: © Sonja Bruns, TeleTax GmbH

Manuel Maurer:
Frau Bruns, Sie sind seit 2023 Geschäftsführerin der TeleTax GmbH, dem Fortbildungsanbieter als Tochterunternehmen der deutschen Steuerberaterlandesverbände und des DStV. Wie sind Sie persönlich in die Steuerbranche gekommen?

Sonja Bruns:
Tatsächlich bin ich eher zufällig in die Steuerbranche gekommen. Ursprünglich bin ich Wirtschaftssoziologin und habe mein gesamtes Berufsleben in der Erwachsenenbildung verbracht. Mein Einstieg bei TeleTax begann als Themen- und Referentenmanagerin – eine Rolle, in der ich sehr intensiv mit Inhalten, Expertinnen und Experten sowie den fachlichen Entwicklungen der Branche arbeiten durfte. Nach zwei Jahren habe ich dann die Geschäftsführung übernommen.

Manuel Maurer:
Und was macht diese Branche für Sie bis heute besonders?

Sonja Bruns:
Ihre enorme Vielschichtigkeit, würde ich sagen. Steuerberatung ist ja weit mehr als der Umgang mit Zahlen – sie bewegt sich im Spannungsfeld von Recht, Wirtschaft, Politik und gesellschaftlicher Entwicklung. Kaum eine Branche ist so stark von Veränderungen geprägt und muss gleichzeitig unternehmerisch, technologisch und strategisch denken. Genau diese Verbindung aus fachlicher Tiefe, Aktualität und strategischer Zukunftsorientierung macht die Arbeit für mich besonders reizvoll.

Manuel Maurer:
Wenn Sie auf Ihr Fortbildungsangebot schauen: Welche Themen werden derzeit besonders stark nachgefragt? Lassen sich dabei klare Trends oder Verschiebungen gegenüber früheren Jahren erkennen?

KI ersetzt keine Expertise. Sie verschiebt ihren Schwerpunkt – und genau darauf muss moderne Fortbildung antworten.

Sonja Bruns:
Die klassischen Themen rund um Grundlagen und aktuelle Änderungen im Steuerrecht werden weiterhin stark nachgefragt. Das ist wenig überraschend, gesetzliche Änderungen machen kontinuierliche Fortbildung unerlässlich. Gleichzeitig beobachten wir deutliche Verschiebungen. In den vergangenen Jahren sind neue Themen rund um Digitalisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz stärker in den Fokus gerückt. Dabei geht es nicht nur um technische Anwendungen, sondern um die Frage, wie sich Arbeitsprozesse, Beratungsleistungen und Geschäftsmodelle in den Kanzleien verändern.

Darüber hinaus wächst das Interesse an organisatorischen und strategischen Fragestellungen – etwa zur Kanzleistruktur, zu effizienten Abläufen, zur Mitarbeiterbindung oder zur Positionierung am Markt. Die Anforderungen an Steuerberatungskanzleien sind heute deutlich unternehmerischer geprägt als noch vor einigen Jahren, das spiegelt sich auch in der Nachfrage wider.

Manuel Maurer:
Diese Dynamik verlangt auch eine hohe Umsetzungsgeschwindigkeit Ihrer Fortbildungsangebote...

Sonja Bruns:
Absolut. Wir begleiten eine Branche, die sich ständig weiterentwickelt. Wichtig ist mir dabei die Unterscheidung: Als Fortbildungsanbieter reagieren wir sehr agil auf aktuelle Entwicklungen. Während sogenannte Weiterbildungsangebote auf formale Abschlüsse ausgerichtet sind, steht bei uns die unmittelbare Praxistauglichkeit im Vordergrund. Wir greifen tagesaktuelle Themen auf und unterstützen die Branche dabei, auf neue Anforderungen schnell und kompetent zu reagieren.

Manuel Maurer:
Insbesondere KI entwickelt sich ja gerade zu einem zentralen Innovationstreiber. Wie wirkt sich diese Entwicklung auf den Qualifizierungsbedarf aus – fachlich, aber auch im Hinblick auf Rollenverständnis und neue Kompetenzen?

Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Fachkräfte gebraucht werden, sondern wofür.

Sonja Bruns:
Digitalisierung und Automatisierung steigern die Effizienz, verändern aber zugleich das berufliche Selbstverständnis. Wenn Software Prozesse beherrscht, rücken analytisches Denken, betriebswirtschaftliche Einordnung und strategische Beratung stärker in den Mittelpunkt. Aus Buchhaltung wird zunehmend unternehmerische Steuerung. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Fachkräfte gebraucht werden, sondern wofür. 

Für den Fortbildungsbedarf bedeutet das eine klare Verschiebung: Steuerrechtliche Aktualität bleibt essenziell, gleichzeitig gewinnen digitale Kompetenz, Technologieverständnis sowie Analyse- und Kommunikationsfähigkeit deutlich an Bedeutung, auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels. KI ersetzt keine Expertise. Sie verschiebt ihren Schwerpunkt – und genau darauf muss moderne Fortbildung antworten.

Manuel Maurer:
Verändert der Einsatz von KI auch die Möglichkeiten der Wissensvermittlung selbst, etwa durch neue Lernformate und Fortbildungskonzepte?

Sonja Bruns:
Ja, wir haben bereits erste KI-basierte Fortbildungsformate im Angebot, die sich individuell an den Lernstand der Teilnehmenden anpassen. Sie ermöglichen ein individuelles Lerntempo und stellen dennoch sicher, dass alle Lernmodule bearbeitet und bewältigt werden. Integrierte KI-Assistenten und ein kleiner Bot unterstützen dabei, Inhalte zu strukturieren und fachliche Fragen effizient zu bearbeiten.

Moderne Fortbildung muss die Branche befähigen, KI nicht nur zu nutzen, sondern aktiv mitzugestalten.

Manuel Maurer:
Die Formate werden also technisierter und stärker KI-gesteuert?

Sonja Bruns:
Zukünftig wird vor allem die intelligente Wissensaufbereitung an Bedeutung gewinnen, etwa durch KI-gestützte Zusammenfassungen, adaptive Lernpfade oder die Möglichkeit, eigene Bots für spezifische Kanzleianwendungen zu entwickeln. Entscheidend ist dabei nicht nur die technische Anwendung, sondern auch die Fähigkeit, Ergebnisse kritisch zu bewerten und verantwortungsvoll einzusetzen.

Gleichzeitig werden Fachwissen, Technologieverständnis und unternehmerisches Denken immer stärker zusammenwachsen. Moderne Fortbildung muss diese Bereiche verknüpfen und die Branche befähigen, KI nicht nur zu nutzen, sondern aktiv mitzugestalten.

Manuel Maurer:
Sehen Sie perspektivisch eine Konkurrenzsituation, weil Wissen mithilfe von KI-Tools schneller intern aufgebaut werden kann, oder bleibt strukturierte Fortbildung unverzichtbar?

Sonja Bruns:
Eine echte Konkurrenzsituation sehe ich nur sehr begrenzt. KI ist zweifellos schneller als jeder Mensch. Wenn ich eine kurzfristige Information benötige, liefert mir ein KI-Tool in Sekunden eine Antwort. Für punktuelle Fragestellungen ist das ein großer Vorteil. Aber Geschwindigkeit ist nicht gleichbedeutend mit Kompetenz. Informationen müssen eingeordnet, bewertet und in einen fachlichen sowie praktischen Kontext gestellt werden. Genau hier beginnt der Unterschied zwischen bloßer Wissensabfrage und nachhaltigem Lernen.

Manuel Maurer:
Das klingt plausibel, doch wie gelingt der praktische Weg dahin, wo doch die schnelle Abkürzung mittels KI heute so verlockend ist?

Sonja Bruns:
Strukturierte Fortbildung bietet systematische Lernpfade, didaktische Aufbereitung und Qualitätssicherung. Sie schafft Zusammenhänge, fördert Reflexion und ermöglicht den Transfer in die Praxis. Das ersetzt KI nicht – im Gegenteil: Je mehr Informationen verfügbar sind, desto wichtiger wird kuratiertes, verlässliches und strukturiertes Lernen. KI kann Fortbildung sinnvoll ergänzen. Unverzichtbar bleibt jedoch der Rahmen, der aus Information echte Qualifikation macht.

Die Steuerberatung steht letztlich in der Haftung, da sind keine Spielräume für den Verlust von Fachwissen.

Manuel Maurer:
Gleichzeitig wird diskutiert, ob durch den zunehmenden Einsatz von KI-Systemen Fachwissen in Unternehmen im Zeitverlauf auch verloren gehen kann, mitunter schleichend, wie eine aktuelle Studie zeigt. Sehen Sie diese Gefahr auch in der Steuerberatung?

Sonja Bruns:
Ich sehe die Gefahr eines grundlegenden Fachwissensverlusts in der Steuerberatung eher nicht. Die Branche ist stark reguliert und kontinuierliche Fortbildung aus gutem Grund fest verankert – das sichert Qualität und Aktualität. Die Steuerberatung steht letztlich in der Haftung, da sind keine Spielräume für den Verlust von Fachwissen.

Was sich allerdings verändern könnte, sind bestimmte Grundkompetenzen. Wenn KI Texte formuliert oder Argumentationen strukturiert, könnten Fähigkeiten wie präzises Schreiben oder zusammenhängendes Denken weniger trainiert werden. Das Erlangen von Fachwissen hat sich jedoch schon immer gewandelt – nicht jede Generation arbeitet noch mit denselben Methoden. Auch die kontrollierte Verwendung von KI hat Lerneffekte.

Manuel Maurer:
Welche Lernformate funktionieren für Steuerberater:innen und ihre Teams heute besonders gut?

Sonja Bruns:
Zeit ist in Kanzleien ein knappes Gut. Deshalb funktionieren vor allem flexible, digital zugängliche und ortsunabhängige Formate besonders gut. Live-Online-Veranstaltungen sind weiterhin ein zentraler Bestandteil unserer Fortbildung – insbesondere bei aktuellen steuerrechtlichen Themen, bei denen Aktualität und direkter fachlicher Austausch entscheidend sind. Doch wir liefern zu jedem Live-Format auch Aufzeichnungen. So wird sichergestellt dass auch bei extremer Zeitknappheit, zum Beispiel bei notwendiger Unterbrechung eines Live-Seminares, die Inhalte vermittelt werden können. Ergänzend setzen wir bei Lehrgängen und Wissensreihen verstärkt auf Blended-Learning-Konzepte.

Manuel Maurer:
Was ist das?

Sonja Bruns:
Dabei handelt es sich um die Kombination aus Live-Online-Impulsen, strukturierten Selbstlernphasen und praxisnahen Anwendungen. Dies ermöglicht nachhaltiges Lernen bei gleichzeitig hoher zeitlicher Flexibilität.

Manuel Maurer:
Setzen Sie auch moderne didaktische Methoden wie zum Beispiel Gamification ein?

Sonja Bruns:
Moderne didaktische Elemente wie interaktive Sequenzen, Wissenschecks oder KI-gestützte Unterstützung integrieren wir gezielt. Gamification im klassischen Sinne steht dabei weniger im Vordergrund – für unsere Zielgruppe zählen vor allem fachliche Tiefe, klare Struktur und unmittelbare Praxistauglichkeit. Ansprechend gestaltet und, wenn möglich, auch Spaß vermittelnd sollten allerdings unsere Veranstaltungen auf jeden Fall immer sein. Flexibilität ist heute kein Zusatznutzen mehr, sondern eine Grundvoraussetzung für erfolgreiche Fortbildung.

Manuel Maurer:
Wenn man über die fachliche und branchenspezifische Qualifikation hinausblickt, wird häufig von sogenannten "Future Skills" gesprochen, also beispielsweise Kompetenzen wie Problemlösungsfähigkeit und Veränderungskompetenz, aber auch Verantwortungsübernahme und Kritisches Denken. Welche Fähigkeiten werden aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren besonders entscheidend?

Kontextkompetenz wird zu einer Schlüsselqualifikation.

Sonja Bruns:
Die von Ihnen genannten "Future Skills" halte ich tatsächlich für zentral: Problemlösungsfähigkeit, Veränderungskompetenz und kritisches Denken. Die Fähigkeit, mit Unsicherheiten und der Vielfalt neuer Angebote etwa im Bereich Digitalisierung konstruktiv umzugehen, wird immer wichtiger.

Entscheidend ist darüber hinaus der Blick für das Große Ganze. Kontextkompetenz wird zu einer Schlüsselqualifikation. Für die Steuerberatung heißt das konkret: Analysieren, einordnen, Zusammenhänge erkennen – und diese zielgruppengerecht in eine beratende Empfehlung übersetzen. Die Zukunft gehört nicht denen, die Informationen abrufen, sondern denen, die sie klug interpretieren und in Mehrwert verwandeln.

Manuel Maurer:
Wenn Sie eine Entwicklung nennen müssten, die Kanzleien aus Ihrer Sicht heute noch unterschätzen – welche wäre das?

Der Faktor Human Resources wird häufig noch unterschätzt.

Sonja Bruns:
Lassen Sie mich abschließend zwei Aspekte nennen: Zum einen ist das die Geschwindigkeit, mit der Veränderungen zu erwarten sind. Das wird aus meiner Sicht unterschätzt. Wer heute nicht beginnt, sich mit den neuen Themen wie KI und Digitalisierung zu beschäftigen und diese zu implementieren, dem droht, dass der Anschluss verloren geht.

Die zweite Komponente, die stark unterschätzt wird, ist der Faktor Human Ressource (HR). Die neuen Ansätze müssen nicht nur technisch implementiert werden. Es besteht die Notwendigkeit, das Personal, also die Mitarbeiter einer Kanzlei mitzunehmen, sie also mit den neuen Möglichkeiten und dem praktischen Einsatz vertraut zu machen, sie quasi anzulernen. Dieser zusätzliche Aufwand wird heute noch sehr unterschätzt. Nur wenn es gelingt, den Menschen mitzunehmen, kann die Implementierung neuer Technologien ihren vollen Nutzen entfalten.

Manuel Maurer:
Vielen Dank, Frau Bruns, für Ihre Einschätzungen und die Perspektiven auf die Branche aus Sicht eines Fortbildungsanbieters.

Zur Person:

Sonja Bruns Sonja Bruns ist Geschäftsführerin der TeleTax GmbH (www.teletax.de). Die Wirtschaftssoziologin verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Erwachsenenbildung mit besonderem Fokus auf Fortbildung für die Steuerberatungsbranche.
Kontakt auf LinkedIn

Manuel Maurer

Manuel Maurer ist Herausgeber und Chefredakteur von STB Web, Online-Fachmagazin für Steuerberater. Entwicklungen in der Steuerbranche zählen zu seinen Themenschwerpunkten. 
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