27.11.2025 | Fachartikel/Beratertipp
Von StBin Svetlana Ryzhenko
Viele Kanzleien wissen genau, welche Werte sie haben – zumindest auf dem Papier. Sie hängen an der Wand, stehen auf der Website und werden in Bewerbungsgesprächen zitiert. Doch zwischen Anspruch und Alltag liegt oft eine spürbare Lücke. Und genau dort zeigt sich, ob Führung glaubwürdig ist – oder nur gut klingt.
In Steuerberatungskanzleien prallen oft Welten aufeinander: Termindruck, Fachkräftemangel, komplexe Mandate und gleichzeitig der Anspruch, fair, wertschätzend und menschlich zu führen. Zur Realität gehört aber auch: Der Kollege wartet seit Wochen auf Feedback, eine Mitarbeiterin erfährt die Teamentscheidung über den Flurfunk und Mandanten fühlen sich in der Warteschleife alleingelassen.
Passt das alles, wenn "wertschätzende Kommunikation" als einer der zentralen Werte der Kanzlei aufgelistet wird? Wohl kaum. Wer hat es in der Hand, hier gegenzusteuern? Nur die Kanzleileitung, sie muss zeigen, wie es geht. Top-Down ist hier Pflicht.
Denn die Diskrepanz zwischen proklamierten Werten und gelebtem Verhalten ist mehr als ein Schönheitsfehler. Sie ist die stille Erosion der Glaubwürdigkeit. Eine Kanzlei, die "Teamgeist und Transparenz" als Kernwerte nennt, aber interne Spannungen aussitzt und Moderation zwischen den Beteiligten vermeidet, setzt das Vertrauen zu den Mitarbeitenden aufs Spiel.
Zwei typische Beispiele aus der Praxis zeigen das Spannungsfeld deutlich:
Beispiel 1:
Ein Partner steht vor Abgabefristen und priorisiert Mandanten mit hoher Honorarsumme. Kleinere Mandate müssen warten, obwohl "Fairness" als zentraler Kanzleiwert gilt. Das Team merkt schnell, dass es "A- und B-Mandanten" gibt und die Wertebotschaft verliert an Glaubwürdigkeit. Werteorientierung wird hier vom Umsatz verdrängt. Gerade dieses Beispiel zeigt sehr schön, dass das Formulieren der Kanzleiwerte mit Bedacht vorgenommen werden sollte.
Beispiel 2:
Eine Kanzlei wirbt mit "Work-Life-Balance" und "Familienfreundlichkeit". Gleichzeitig werden Urlaubsanträge vor Jahresende ungern gesehen, weil die Fristen drängen. Hier wird sichtbar, wie gelebte Werte an Systemgrenzen stoßen, wenn Strukturen und Führung nicht konsequent danach ausgerichtet sind.
Aus meiner Erfahrung als Kanzleileiterin weiß ich: Führung nach Werten ist manchmal unbequem, denn als Führungskraft hat man sich auch an die Leitplanken zu halten, die man dem gesamten Unternehmen vorgegeben hat. Das macht es in Teilen aber auch wieder einfach, denn man stellt einen Handlungsrahmen sicher, der für alle gleichermassen gilt. Der hilft, wenn es unter anderen um schwierige Entscheidungen geht.
Wer beispielsweise "Verantwortung" als Wert der Unternehmung benennt, muss sie auch einfordern: bei sich selbst, bei Partnern, bei Mitarbeitern, bei Freelancern, bei Unterlieferanten. Sprich bei allen, die eine Dienstleistung für die Unternehmung erbringen.
Das bedeutet, klare Konsequenzen zu ziehen, wenn Verhalten wiederholt gegen die Werte verstößt. Das gilt unabhängig von der Position oder Bedeutung des Partners. Mit dem ersten Zugeständnis, "einmal ein Auge zuzudrücken", beginnt die Erosion. Es ist naiv, zu glauben, dass das nicht wahrgenommen wird. Werteorientierung ist kein Kuschelfaktor, sondern Führungsdisziplin.
In modernen Kanzleien sind externe Kräfte längst Teil des Teams. Ob als Freelancer, digitale Buchhaltungsdienstleister oder IT-Partner. Auch hier gilt: Werte definieren die Art und Weise der Zusammenarbeit. Gehört zu meinen Kanzleiwerten der Wert "innovativ", dann gehören sicherlich nur Dienstleister in mein Portfolio, die der KI-Entwicklung offen und gleichwohl verantwortungsbewusst gegenüberstehen. Ist zudem der Wert "Respekt" mit integriert, dann ist sicherlich ein Dienstleister falsch, der die KI gänzlich unredigiert die Korrespondenz führen lässt. Digitale Tools beschleunigen Prozesse, aber sie entbinden nicht von Empathie, Fairness und Integrität.
Werte sind wie ein Kompass und nicht wie ein Navi: Sie zeigen die Richtung und geben Orientierung, aber sie nehmen einem nicht die Entscheidung über den genauen Weg ab. Im Alltag geht es nicht darum, immer perfekt zu handeln, sondern bewusst zu reflektieren, wenn das Handeln im Widerspruch zu den eigenen Vorgaben und dem Werte-Setup steht. Gerade diese Momente entscheiden über die Kultur einer Kanzlei.
Werteorientierte Führung ist keine Idealvorstellung, sondern zählt zu den Grundlagen für Stabilität in unsicheren Zeiten. Es ist der Rahmen, der Entscheidungen für alle Seiten nachvollziehbar macht. Sie gibt Orientierung, wo Prozesse an Grenzen stoßen, und schafft Vertrauen, wo Geschwindigkeit zunimmt. Kanzleien, die das begreifen, entwickeln eine Kultur, die über Hierarchien hinaus trägt und Zusammenarbeit stärkt.
Autorin:
Svetlana Ryzhenko ist Diplom-Kauffrau und Steuerberaterin. Mit ihrer Kanzlei tax rebels gmbh (tax-rebels.de) berät sie vornehmlich inhabergeführte Unternehmen, die sie auch mit Führungscoachings und Ausbildungskonzepten unterstützt. Kontakt auf LinkedIn