25.09.2025 | Interview

Systemaufstellungen in der BWL – oder: Wie das Neue in die Welt kommt

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Wolters Kluwer

Von Manuel Maurer / Interview mit Prof. Dr. Daniel Deimling

In einer Welt, in der Komplexität und Unvorhersehbarkeit zunehmen, reichen Zahlen und Datenanalysen allein häufig nicht aus, um schwierige Probleme zu lösen und neue Wege zu beschreiten. Was rationale Analysen nicht vermögen, zeigt oft die Intuition: Systemaufstellungen in der BWL eröffnen unerwartete Perspektiven, machen verborgene Dynamiken sichtbar und ergänzen die technikdominierten Ansätze um menschliche Erkenntniswege. Prof. Dr. Daniel Deimling erklärt, wie Wirtschaft und Unternehmen zu völlig neuen Sichtweisen gelangen können.

Manuel Maurer:
Herr Prof. Dr. Deimling, Sie sind Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Heilbronn und setzen in der Managementlehre sogenannte Systemaufstellungen ein. Was ist das und was hat es mit Unternehmen und der Wirtschaft zu tun?

Prof. Dr. Daniel Deimling
Foto: Prof. Dr. Daniel Deimling, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre

Daniel Deimling:
Systemaufstellungen haben ihren Ursprung in der Psychologie, insbesondere in der Familientherapie. Es ist eine Methode, bei der Personen, Funktionen, Organisationen und andere Entitäten durch Stellvertreter räumlich aufgestellt und damit visualisiert werden. Damit können unsichtbare Strukturen, Beziehungen, Dynamiken, Konflikte und ähnliches sichtbar gemacht werden. Das funktioniert auch in anderen Systemen als der Familie.

Ich habe meine Ausbildung zum Systemaufsteller bei Prof. Georg Müller-Christ von der Universität Bremen gemacht, der Systemaufstellungen seit vielen Jahren einsetzt und das Konzept maßgeblich in der betriebswirtschaftlichen Forschung etabliert hat.

Manuel Maurer:
Und wie funktioniert das konkret zu betriebswirtschaftlichen Fragestellungen?

Daniel Deimling:
Die Stellvertreter in den Aufstellungen stehen jeweils für ein Element. Das kann eine Person sein, eine Rolle wie beispielsweise der Geschäftsführer, eine Abteilung, aber auch Entitäten wie "die Nachhaltigkeit" oder "der Profit". In der Aufstellung kommunizieren und interagieren sie miteinander. Sie treten sich gegenüber, suchen sich einen geeigneten Platz im Raum und kommen miteinander ins Gespräch. Dieses Miteinander-in-Beziehung-treten fördert Dinge zu Tage, auf die man mit der kognitiven Verarbeitung dessen, was sichtbar ist – also den Manifestationen – nicht kommt.

Manuel Maurer:
Die Stellvertreter nehmen also die ihnen zugewiesene Rolle ein und interpretieren diese?

Daniel Deimling:
Bei einer offenen Aufstellung kennen die Stellvertreter das Thema und wissen für welches Element sie stehen, bei einer doppelt-verdeckten Aufstellung hingegen kennen die Stellvertreter weder das Thema noch die beteiligten Elemente. Sie wissen also nicht für welches Element sie stellvertretend stehen. Das verhindert jede Form von kognitiven Verzerrungen – die Stellvertreter hören nur auf ihre Intuition und geben wider, was sie wahrnehmen und auch körperlich erfahren.

Die Stellvertreterin musste irgendwann den Raum verlassen, weil es dem Element übel wurde.

Manuel Maurer:
Haben Sie ein Beispiel zur Veranschaulichung?

Daniel Deimling:
In meiner Doktorarbeit wollten wir herausfinden wie sich Unternehmen, die bewusst nicht wachsen wollen, im wirtschaftlichen und ökologischen Umfeld bewegen. Wir haben in einer doppelt-verdeckten Aufstellung als Elemente unter anderem die Wachstumsneutralität, das klassische Unternehmen mit Wachstumsziel, das nicht-wachsende Unternehmen, die Qualität und die Quantität aufgestellt und mal geschaut, was sich die Elemente so zu sagen haben.

Manuel Maurer:
Ich nehme mal an, da gab es Störgefühle...

Daniel Deimling:
Das war höchst spannend! Zum Beispiel, weil das klassische Unternehmen mit Wachstumsziel die Wachstumsneutralität überhaupt nicht ausgehalten hat und die Stellvertreterin irgendwann den Raum verlassen musste, weil es dem Element übel wurde. Und die Stellvertreterin wusste nicht, wofür sie und die anderen Elemente standen und was das Thema war. Wir haben das so interpretiert, dass es für das klassische Unternehmen mit Wachstumsziel schwer auszuhalten ist, wenn es vor Augen geführt bekommt, dass es keinen Wachstumszwang gibt und also die Sachzwangerzählung nicht verfängt, sondern wachstumsneutrales Wirtschaften möglich ist.

Manuel Maurer:
Das hat was Subversives...

Daniel Deimling:
Wenn Sie so wollen. Wir sprechen von kontrollierter Irritation, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, wo etablierte Methoden offenbar an Grenzen gelangen. Seit Jahren etwa gibt es Versuche in der betriebswirtschaftlichen Forschung, Managementsysteme zu entwickeln, die zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen. Dies hat bislang jedoch nicht zu einer signifikanten Reduzierung des Ressourcen- und Energieverbrauchs geführt. Die etablierten Forschungs- und Lehrmethoden sind offensichtlich nicht dazu geeignet, dem Thema unternehmerische Nachhaltigkeit wirkungsvoll habhaft zu werden, weshalb es neue Formen der Forschung und neue Erkenntnismethoden braucht.

Intuition trifft bevorzugt auf einen vorbereiteten Geist.

Manuel Maurer:
Wie ordnen Sie die Methode denn wissenschaftlich ein – oder handelt es sich eher um eine Kreativitätstechnik?

Daniel Deimling:
Die gängigsten Formen der Erkenntnisgewinnung in der Wissenschaft, auch in der BWL, sind die Deduktion und die Induktion. Weniger bekannt ist die Abduktion und völlig verkannt ist die Intuition. Da Induktion und Deduktion lediglich Bekanntes bestätigen oder ausweiten, kommt durch diese Erkenntnisformen nichts Neues in die Welt.

Anders bei der Abduktion, die in der BWL eine untergeordnete Rolle spielt und vielen Betriebswirten gar nicht geläufig ist. Die Abduktion steht dem systemischen Denken sehr nahe und bildet zugleich eine Brücke zur Intuition. Um zu Erklärungen zu gelangen, ist Kreativität erforderlich. Das kann ein plötzlicher Einfall sein, der durch eine Beobachtung entsteht. Isaac Newton saß unter einem Apfelbaum, sah einen Apfel auf den Boden fallen und hatte plötzlich den Geistesblitz, dass es eine Erdanziehungskraft geben muss. Durch diese Abduktion kam etwas substanziell Neues in die Welt. Deshalb spielt die Abduktion eine zentrale Rolle im Innovationsmanagement.

Manuel Maurer:
Das mit dem Apfel klingt aber mehr nach Zufall, oder?

Daniel Deimling:
Nur scheinbar. Innovation ist immer mit der Suche nach etwas völlig Neuem verbunden – sei es ein Produkt oder eine Theorie. Um den Geistesblitz anzustoßen, dienen Kreativitätstechniken als Hilfsmittel. Die Methoden zielen darauf ab, bereits unbewusst vorhandenes Wissen spontan verfügbar zu machen. Intuition geht noch einen Schritt weiter. Auch sie erscheint nicht zufällig im Alltag, sondern eher dann, wenn Forschende hoch konzentriert an einer Fragestellung arbeiten und in einen Flow-Zustand gelangen. Mit anderen Worten: Intuition trifft bevorzugt auf einen vorbereiteten Geist.

Manuel Maurer:
Und da setzt dann die Systemaufstellung als Instrument an?

Daniel Deimling:
Genau. Um die vorhandenen Informationen zu Tage zu fördern und bewusst zu machen, wird die Erkenntnisform Intuition genutzt. In einer Systemaufstellung hört der Stellvertreter auf sein enterisches Nervensystem – auch als "Bauchhirn" bekannt – und beschreibt, welche Informationen er über das Element hat, das er repräsentiert. Das ist die repräsentierende Wahrnehmung. Er fühlt in sich hinein und spürt genau hin, welche Regungen, Gefühle, Dynamiken etc. er in Bezug auf einen Kontext und andere Elemente hat und verbalisiert diese. Der Systemaufsteller begleitet diesen Prozess, stellt die richtigen Fragen beziehungsweise Nachfragen, lässt die Elemente ins Gespräch kommen und leitet die Aufstellung an.

Das System zeigt häufig Dinge, mit denen man überhaupt nicht gerechnet hat.

Manuel Maurer:
Kommen wir von der Theorie mal zur unternehmerischen Praxis. Wie können Organisationen denn konkret damit arbeiten?

Daniel Deimling:
Mit Systemaufstellungen kann jeglichen Problem- und Fragestellungen, vor denen Organisationen stehen, auf den Grund gegangen werden. Das können beispielsweise Konflikte zwischen Personen, Rollen oder Abteilungen sein, Fragen zu Verantwortlichkeiten, Dilemmasituationen, die Frage, warum ein Produkt nicht läuft, wie das Unternehmen mehr Kunden erreicht oder die Frage nach der zukünftigen Ausrichtung des Unternehmens. Häufig nehmen Unternehmen Systemaufstellungen in Anspruch, die mit den gängigen Management- und Konfliktlösungsansätzen an Grenzen stoßen und die tieferliegenden Strukturen hinter einem Problem verstehen wollen.

Das System zeigt auch Informationen, die die Anliegengeber bewusst oder unbewusst weggelassen haben. Es zeigt sich das Nicht-Erzählte und das Nicht-Gedachte – häufig Dinge, mit denen man überhaupt nicht gerechnet hat und die im ersten Moment vielleicht auch irritierend wirken. Genau dadurch erweitert sich aber der Denk- und Handlungsspielraum.

Manuel Maurer:
Können Sie uns ein weiteres Beispiel geben für solch eine Irritation?

Daniel Deimling:
Ich war einmal bei einer doppelt verdeckten Aufstellung dabei, die mit drei Elementen begann. Die Stellvertreter haben sich zueinander positioniert und sind ins Gespräch gekommen. Schnell wurde klar, dass eines der drei Elemente sehr unflexibel war, sich überhaupt nicht bewegen oder irgendwie einbringen wollte. Die beiden anderen Elemente waren deutlich offener, beweglicher, flexibler und haben das starre Element immer wieder aufgefordert, sich doch auch einmal zu bewegen.

Manuel Maurer:
Was kam dabei heraus?

Daniel Deimling:
Die Aufstellung ging insgesamt etwa eine Stunde und es ist natürlich noch viel mehr passiert, aber allein diese Sequenz war sehr erhellend. Bei der Auflösung erfuhren die Teilnehmer, dass es in der Aufstellung um die Zukunft des Pflegesystems in Deutschland ging. Die drei Elemente waren: 1. die Pflegekräfte, 2. der Pflegeethos, 3. die zu Pflegenden. Das Element, das sich weigerte, sich auch nur ein bisschen zu bewegen, waren die zu Pflegenden.

Manuel Maurer:
Das ist tatsächlich überraschend. Wie haben Sie das interpretiert und welche Hypothese konnten Sie daraus ableiten?

Daniel Deimling:
Wenn man kognitiv über die Zukunft der Pflege in Deutschland nachsinnt, denkt man vielleicht an die Pflege-Ausbildung, an Budgets, Personaldecken, Finanzierungsmodelle, Pflege-Modelle, Pflege-Roboter womöglich. Woran vor der Aufstellung niemand dachte, war, dass der neuralgische Punkt im Pflegesystem, an dem man ansetzen muss, die zu Pflegenden sind. 

Die Notwendigkeit gepflegt zu werden kommt in den meisten Fällen sehr plötzlich und viele, insbesondere ältere Menschen, sträuben sich gegen das Gepflegtwerden, weil sie null darauf vorbereitet sind. Das macht den Job der Pflegekräfte häufig zur Hölle. Eine bessere Vorbereitung der Gesamtbevölkerung auf das Gepflegtwerden, könnte ein Gamechanger im Pflegesystem sein. Darauf muss man aber erst einmal kommen. Das ist kontrollierte Irritation als Instrument.

Ich kann bislang gar nicht erkennen, dass KI irgendwelche Probleme löst.

Manuel Maurer:
Warum stoßen Daten und deren rationale Analyse dagegen an Grenzen, um schwierige Probleme zu lösen?

Daniel Deimling:
Weil die technokratische Weltsicht eine Form von Wissenschaft hervorgebracht hat, die es sich zum Ziel gemacht hat, die ganze Welt und die Natur in kleinste Teile zu zerlegen, die berechenbar, messbar und operationalisierbar – und damit vermeintlich vorhersehbar – sind. Was dadurch verloren ging, ist der Blick für größere Zusammenhänge, nicht-lineare Dynamiken und hochkomplexe Systeme. Systemaufstellungen können dazu beitragen, das 'große Ganze' wiederzuentdecken, zu sehen und zu begreifen. Die unvermeidbare Irritation zwingt einen zur Reflexion und zur Prüfung von Perspektiven, die man zuvor ausgeblendet hat.

Manuel Maurer:
Apropos Berechenbarkeit – Stößt insofern auch KI an Grenzen menschlicher Fähigkeiten und Erkenntnisprozesse?

Daniel Deimling:
Ich kann bislang gar nicht erkennen, dass KI irgendwelche Probleme löst. Und schon gar nicht die epochalen Problemlagen der Menschheit im 21. Jahrhundert. Die Technikgläubigkeit der letzten 200 Jahre hat uns an den Punkt gebracht, an dem wir heute sind. Albert Einstein hat dazu einen unbezahlbaren Gedanken geäußert: "Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind."

Wenn man dieses Zitat ernst nimmt, müssen wir uns von der kapitalistischen, technokratischen und technikgläubigen Denkweise verabschieden. Um unsere epochalen Probleme zu lösen, benötigen wir neue Formen der Wissenschaft, der Erkenntnissuche sowie der Reflexion. Systemaufstellungen können hierzu einen wertvollen Beitrag leisten.

Manuel Maurer:
Vielen Dank für den Einblick in das Thema und die denkwürdigen Perspektiven.

Zur Person:

Prof. Dr. Daniel Deimling

Prof. Dr. Daniel Deimling ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und stellvertretender Vorsitzender der Ethikkommission an der Hochschule Heilbronn. Er tritt für eine integrative Wirtschaftsethik ein.
Info und Kontakt

Manuel Maurer

Manuel Maurer ist Herausgeber und Chefredakteur von STB Web, Online-Fachmagazin für Steuerberater. Neben Entwicklungen in der Steuerbranche und im Steuerrecht zählen Themen rund um nachhaltigeres Wirtschaften zu seinen journalistischen Interessenschwerpunkten. 
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