27.02.2020 | Porträt

"Wir sind hier keine reinen Idealisten"

Von Alexandra Buba *

Wer unter anderen als klassisch kapitalistischen Grundsätzen wirtschaftet, gerät schnell in den Ruch des Weltfremden – und steht gleichzeitig bei den Mitmachenden leicht unter Perfektionsdruck in Sachen ökologischer und sozialer Korrektheit. Dabei geht es Unternehmerinnen und Unternehmern, die bewusst nachhaltig wirtschaften, in erster Linie häufig um ganz konkrete Ziele. Das fordert ihre Berater in besonderer Weise. Inwiefern – das will STB Web künftig in der neuen Rubrik "Nachhaltig Wirtschaften" beleuchten, die ab sofort regelmäßig Unternehmen vorstellt, die eben genau dies tun.

Aufsichtsrat der Hostsharing eG
Foto: Aufsichtsrat der Hostsharing eG, von links nach rechts: Michael Hönnig, Guido Schnepp und Simon Berg (© Hostsharing eG)

Es ist ein gewöhnlicher Dienstagnachmittag, und doch klingen ein paar Sätze heute ganz anders als sonst. Etwa, wenn Estelle Goebel-Aribaud sagt: "Bei uns verdienen alle Teammitglieder gleich viel – egal, ob Vorstand oder Servicemitarbeitende." Oder "Zweimal im Jahr haben wir Strategiesitzung, da können alle interessierten Genossenschaftsmitglieder teilnehmen." Und gleichzeitig: "In unserem Business haben Skaleneffekte direkten Einfluss auf die realisierbaren Preise." Außerdem: "Natürlich müssen wir wachsen, sonst können wir im Preiskampf mit Konkurrenten wie Amazon AWS nicht mithalten."

Aber der Reihe nach. Was nach Zitaten klingt, die aus unterschiedlichen Welten kommen, gehört nicht nur inhaltlich zusammen, sondern umreißt bereits grob das, was die Hostsharing eG ausmacht - ein Hamburger Unternehmen, das in diesem Jahr bereits sein 20-jähriges Bestehen feiert, und dabei auf einen jährlichen Umsatz von rund 150.000 Euro verweist. Der genossenschaftlich organisierte Webhoster befindet sich seit seiner Gründung zu Hundert Prozent in den Händen der Belegschaft und Kunden. Ihnen gemeinsam ist der Gedanke, dass die digitale Infrastruktur unter der demokratischen Kontrolle aller Nutzerinnen und Nutzer stehen sollte.

Jede Genossenschaft tickt anders

Letzteres dürfte vielen Steuerberaterinnen und -beratern bekannt vorkommen, beziehen doch die meisten von ihnen bis heute ihre IT-Dienstleistungen ebenfalls von einer Genossenschaft, wenngleich jene deutlich größer und nicht in Nord-, sondern in Süddeutschland beheimatet ist. Dass der Vergleich mit derselben aber stark in die Irre führt, wird sofort klar, wenn Goebel-Aribaud, ihres Zeichens Marketing-Chefin von Hostsharing, weiter erklärt.

"Bei uns gibt es kein Nichtmitglieder-Geschäft – höchstens als dreimonatiges Testangebot zu Werbezwecken", erklärt die 44-jährige Unternehmerin. Außerdem sei die kommerzielle Verwertung von Daten der Nutzer grundsätzlich ausgeschlossen. Wenngleich dies freilich wirtschaftlich attraktiv wäre, denn Hauptkunden sind IT-Dienstleister, deren Gründungsidee es letztlich ja war, sich Kosten und Verantwortung für Serverlandschaften, auf denen sie heute etwa die Cloudanwendungen ihrer Kunden hosten, zu teilen.

Digitale Exzellenz, Souveränität und Nachhaltigkeit

"Unser wichtigstes Ziel ist digitale Exzellenz, wir bieten als Webhoster eine Servicetiefe in einer Nische an, die es so sonst nicht gibt", erklärt Goebel-Aribaud. Dass neben den "Professionellen" auch Unternehmen anderer Branchen zu den insgesamt 200 Mitgliedern zählen, hängt mit den beiden weiteren Zielen zusammen: der schon angesprochenen digitalen Souveränität und der Nachhaltigkeit.

Hier kommt dann auch der Ökostrom ins Spiel – mit dem die Server natürlich betrieben werden. Dass dies aus Kostengründen bis auf Weiteres EE01 und nicht EE02-Strom sein kann, dafür müsse sie schon mal um Verständnis werben, bei den Puristen unter den Mitgliedern. "Aber wir sind hier schließlich keine reinen Idealisten, sondern müssen dafür sorgen, dass es Hostsharing auch in 20 Jahren noch gibt. Deshalb wird Strom nach EE02 erst möglich, wenn die Mitglieder bereit sind die wesentlich höheren Kosten dafür zu tragen."

Wachstum bewusst anregen – oder verlangsamen

Dies unter Einhaltung der Ziele immer wieder auch betriebswirtschaftlich abzubilden, ist gar nicht einmal so einfach. Denn Wachstum zu steuern – nicht nur zu beschleunigen, sondern auch zu verlangsamen, will gelernt sein. Unterstützung könnte dabei von kompetenter Seite aus dem Steuerfach kommen – tut sie aber nicht immer. Denn Genossenschaft ist nicht Genossenschaft, wie schon belegt, sondern als Organisationsform immer nur ein Rahmen für ganz unterschiedliche Ziele.

"Danach zu fragen, ist für mich die wichtigste Voraussetzung für eine kompetente Beratung", erklärt Goebel-Aribaud. Der Rechtsform Genossenschaft sagt sie eine große Zukunft voraus. Egal in welcher Branche – ob in der IT-Industrie oder bei Fahrradkurieren in Berlin – immer öfter schlössen sich mehrere Solo-Selbstständige zu eGs zusammen, um auf diese Weise an Aufträge von Großunternehmen zu kommen, um Scheinselbstständigkeit zu verhindern oder um Intermediäre auszuschließen und eine gerechte Entlohnung der Mitarbeitenden zu erreichen.

Chancen für Berater

Die Unternehmerin sieht darin Chancen für Berater – selbstverständlich nur dann, wenn es nicht um die allein Steuersparmodellen geschuldeten eGs gehe, wie sie der Gesetzgeber künftig unterbinden will. Denn ursprünglich sei "CSR in der DNA von Genossenschaften angelegt", sagt Goebel-Aribaud. Ihrem Unternehmen hat aber möglicherweise gerade nicht nur die Rechtsform als solche, sondern auch der besondere Geschäftszweck und die damit verbundene Strategie eine Nominierung für den CSR-Preis der Bundesregierung eingebracht. Und das (fast) ganz ohne Idealismus.

Alexandra BubaAlexandra Buba ist freie Journalistin und spezialisiert auf die Themen der Steuerberatungsbranche (www.medientext.com) und schreibt regelmäßig für die STB Web-Redaktion.