22.05.2019 | Zukunft

Vorläufer mit 59

Von Alexandra Buba *

Alles wird anders, in der Steuerberatung. Da sind sich mittlerweile die meisten Experten einig. Unklar ist nur, wie genau. Hier bleiben die Ausblicke meist vage, und es ist öfter Schulterzucken als Zupacken angesagt. Einer, der das anders macht, ist Wolfgang Stamnitz, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater aus München. Der Vorstand der Acconsis Beratungs-Gruppe schickt ein Viertel seiner rund 100 Mitarbeiter seit neuestem regelmäßig in die Zukunftswerkstatt.

Auf moderner Fläche entwickeln fünf Mitarbeiter-Teams Konzepte für die Zukunft. (Foto: © ACCONSIS Unternehmensgruppe)

Gern gesehene Gäste – das sind die Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer der Acconsis-Gruppe im 2. Stock des Bürokomplexes in der Schloßschmidstraße im Münchener Stadtteil Neuhausen. Die offene, mit farbkräftigem Designermobiliar ausgestattete 600-Quadratmeter-Etage verströmt beides: den aufregenden Geruch der Moderne und das ruhige Flair von Eleganz.

"Wir hatten das Glück, in unserem Stammgebäude Anfang des Jahres eine zusätzliche, räumlich getrennte Fläche anmieten zu können, deren Ausstattung, die noch vom Vormieter stammte, super zu unserem Plan gepasst hat", erklärt WP/StB Wolfgang Stamnitz, Vorstand der Acconsis Beratungs-Gruppe. Der "Plan", das ist ein kontinuierlich bestehender Freiraum, in dem Mitarbeiter aller Professionen der interdisziplinär tätigen Kanzlei Ideen für die Zukunft des Beratungsgeschäfts entwickeln dürfen. Und zwar ganz konkrete. 

Denn die ZKW, wie sie im Jargon der Kanzlei genannt wird, die Zukunftswerkstatt, ist mit klaren Arbeitsaufträgen ausgestattet, die an fünf verschiedene Teams verteilt sind. Die Mitarbeiter in diesen sind zehn Prozent ihrer Arbeitszeit freigestellt, um etwa an der Arbeitswelt der Zukunft – brauchen wir einen Schallschutz oder nicht – der künftigen Hardwareausstattung oder einem zeitgemäßen Produktportfolio zu arbeiten.

Geschäftsführung bleibt außen vor

Wolfgang Stamnitz
Foto: WP/StB Wolfgang Stamnitz, Vorstand der Acconsis Beratungs-Gruppe

Damit alle 23 Mitarbeiter – die sich allesamt freiwillig für das Projekt gemeldet hatten – ganz frei und unbefangen ihre Ideen publik machen können, ist die Geschäftsführung nicht Teil der Zukunftswerkstatt. "Wenn ich als Vorstand da bin, dann sind Mitarbeiter eher auf empfangen denn auf senden programmiert", erklärt Stamnitz. Damit die Entwicklungsarbeit aber nicht über einen längeren Zeitraum hinweg an der strategischen Gesamtausrichtung vorbeilaufen könne, gebe es einen weiteren Kreis, in dem sich die Chefs – das sind außer Stamnitz noch Stefan Herzer und Dr. Andreas Hofner – von jeweils einem Mitarbeiter aus jedem Fünfer-Team Ergebnisse präsentieren lassen.

Letztere sind derzeit solche Aspekte wie die Frage, ob sich die räumlich offene Struktur nun besser für die Beratung der Zukunft eigne oder nicht und, wenn ja, mit welchen Modifikationen und Spezifikationen sie in der Stammetage im 3. Stock für alle Mitarbeiter umgesetzt werden könnte. Oder die Frage, wann die Arbeit am Tablet Notizzettel überflüssig macht und welche WLAN-Verbindungen dafür notwendig sind.

Das Team "Digitalisierung", das selbstverständlich nicht fehlen darf, arbeitet gerade an neuen Wegen, elektronische Dokumente cleverer einzusetzen als sie nur als schlichte Kopien des Papiers zu behandeln. "Ich zweifele daran, dass wir immer genau wissen, was der Mandant will", sagt Stamnitz, "deshalb haben wir ein Team "Kundenreise" gebildet." Dies lädt Kunden in die ZKW ein, manche seien regelrecht begierig danach und überaus interessiert an neuen Ideen für eine Zusammenarbeit mit der Kanzlei. "Alle wollen sehen, was wir hier machen", so Stamnitz.

Zukunft zum Anschauen

In den Startlöchern für den Aufbruch in eine veränderte Arbeitswelt stehen derzeit viele, tatsächlich konkrete Schritte aber unternehmen in der Steuerberatungsbranche nur wenige. "Ich will da als junger, dynamischer Berater mit meinen 59 Jahren vorauslaufen", sagt Stamnitz mit herzlicher Selbstironie.

Ganz wichtig ist ihm, hervorzuheben, dass es bei all dem darum geht, das Geschäft zukunftsfähig zu machen. "Wir wollen unseren bestehenden und neuen Mitarbeitern echte Perspektiven bieten und mit ihnen gemeinsam in eine erfolgreiche Zukunft gehen", sagt er. Zurzeit wächst das Gesamt-Kanzleiteam jedes Jahr um fünf bis zehn Köpfe, was einem Umsatzwachstum von fünf bis zehn Prozent aus eigener Kraft entspricht. "Wir sind immer offen und freuen uns über jeden neuen veränderungsbereiten Mitarbeiter, der uns begleitet", so Stamnitz.

Kampf um Talente motiviert

Längst sei in der Branche der Fachkräftemangel spürbar, das würde sich auch in Zukunft nicht ändern, glaubt er. Seine Kanzlei allerdings könne ihre offenen Stellen noch besetzen. Und dafür, dass es so bleibt, investiert er jedes Jahr einen guten sechsstelligen Betrag in die ZKW. "Das Geld ist in der ZKW besser angelegt als im Kauf neuer Schreibtische", sagt der Vorstand. Die Tische gibt es freilich trotzdem – höhenverstellbar und mit allen Finessen modernen funktionellen Office-Designs.

Denn mit dem Fachkräftemangel steigen auch die Ansprüche der Mitarbeiter und längst gilt es als State of the Art, dass die Arbeitsumgebung die Arbeitsergebnisse wesentlich beeinflusst. Das weiß selbstverständlich eine Kanzlei, deren erklärtes Ziel die Marktführerschaft unter den Beratern inhabergeführter Unternehmen in München ist, ganz genau.

Deshalb kümmert sich das fünfte der Acconsis-ZKW-Teams derzeit auch nicht zufällig um den Bereich Kommunikation. Ergebnisse seiner Arbeit waren zum Beispiel bis dato die eigene kununu-Page, die Transparenz signalisieren soll, und ein Test von Slack – einem Konzept, das etwa der Mailüberflutung der Mitarbeiter Einhalt gebieten könnte.

Mit ihren vielen einzelnen und ganz praktischen Ideen zeigt die Acconsis-ZKW in jedem Fall eines ganz klar: Es gibt sie schon, die konkreten Wege in die Zukunft, auch in der Steuerberatung, es braucht nur wie immer einen, der vorausgeht.

* Autorin:

Alexandra BubaAlexandra Buba ist freie Journalistin und spezialisiert auf die Themen der Steuerberatungsbranche (www.medientext.com). Sie schreibt regelmäßig für die STB Web-Redaktion.