27.03.2019 | Beratungsfelder

Familienunternehmen und Unternehmerfamilien

 

Von Alexandra Buba / Interview mit Prof. Dr. Tom Rüsen *

Unternehmerfamilien sollten sie haben - die Familienstrategie, die sich mit der eigenen, eng an die Firma geknüpfte Zukunft beschäftigt. Dabei gelten die Grundsätze: Gerecht und fair geht nicht, und die steuerliche Gestaltung muss immer der familiären Logik folgen. Prof. Dr. Tom Rüsen, der für das Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) zu diesen Aspekten forscht, weiß außerdem, welche Rolle Berater spielen können und sollten.

STB Web:
Herr Prof. Dr. Rüsen, Ihre jüngste Studie zeigt, dass sich deutsche Familienunternehmen durchaus der Tatsache bewusst sind, dass die Beziehung zwischen Familie und Firma zielgerichtet gestaltet werden sollte, oder?

Prof. Dr. Peter Fettke
Foto: Prof. Dr. Tom Rüsen

Prof. Dr. Tom Rüsen:
Wir stellen fest, dass das Bewusstsein für diese Fragen wächst. Als wir vor zwanzig Jahren mit unserer Forschung begannen, war das noch ganz anders - ähnlich tabubehaftet wie die Gesellschaft der fünfziger Jahre mit dem Thema sexuelle Frühaufklärung ging damals die Unternehmerschaft mit dem Aspekt der eigenen Nachfolge und dem einer Familienstrategie um.

STB Web:
Aber es sind dennoch auch heute nicht alle gleich gut vorbereitet...

Prof. Dr. Tom Rüsen:
Ja, das stimmt. Zwar hat in unserer jüngsten Befragung von 220 Familienunternehmen über die Hälfte angegeben, über einen Gesellschaftsvertrag zu verfügen, der zusätzlich bestimmte erwünschte Verhaltensweisen der Familie definiert. Auch hatten bereits 45 Prozent eine explizite Familienstrategie.

Doch das ist keineswegs repräsentativ für den deutschen Mittelstand, da uns vor allem jene antworteten und auch überhaupt von uns angeschrieben wurden, die ein vitales Eigeninteresse an der Sache besitzen.

STB Web:
Wie sehen denn Ihrer Schätzung nach die Zahlen für die Mehrheit aus?

Prof. Dr. Tom Rüsen:
Ich würde sagen, dass von den Unternehmen mit 250 Millionen Euro Umsatz aufwärts etwa 20 bis 30 Prozent eine Familienstrategie besitzen, doch davon gibt es ja nicht allzu viele. In der Größenklasse von 50 bis 100 Millionen Euro Umsatz, innerhalb der wir deutlich mehr Betriebe in Deutschland haben, sind es sicherlich schon ganz erheblich weniger. Und bei den noch kleineren ist das Thema weitgehend unbekannt.

STB Web:
Was fatal ist, oder?

Prof. Dr. Tom Rüsen:
Ja, und zwar im Wortsinn. Denn wir wissen, dass nur 15 Prozent aller Familienunternehmen die vierte Generation erreichen. Die übrigen 85 Prozent scheitern vorher - und zwar selten an Problemen mit Markt und Wettbewerb und sehr häufig an Konflikten innerhalb der Eigentümerfamilien. Wenn wir also in dem Bild bleiben wollen, der Mittelstand der familiengeführten Unternehmen sei das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, dann gleicht ein kollektives Nichtkümmern um die Familienstrategie eher dem Risiko einer Querschnittslähmung denn dem eines Bandscheibenvorfalls.

STB Web:
Weshalb?

Prof. Dr. Tom Rüsen:
Weil die Familienstrategie heute wichtiger ist denn je. Die zwei größten Fehler, die gemacht werden, sind erstens: Es wird erwartet, dass die Kinder das Lebenswerk der Eltern fortführen. Das ist aber eine historische Sichtweise und gegenwärtig alles andere als selbstverständlich. Zweitens scheitert zwangsläufig jeder, der mit der Zielsetzung herangeht, eine faire und gerechte Lösung im Sinne der Familienlogik schaffen zu wollen.

STB Web:
Wäre das aber denn nicht gerade wünschenswert?

Prof. Dr. Tom Rüsen:
Nein, Sie können nicht allen gleich viel zukommen lassen und dabei das Unternehmen dauerhaft erhalten.

STB Web:
Aber das sorgt doch auf jeden Fall für Unmut innerhalb der Familie, oder?

Prof. Dr. Tom Rüsen:
Dagegen gibt es nur ein einziges Mittel: Sie müssen die Sache frühzeitig und flexibel zum Thema machen und damit allen die Scheu davor nehmen. Mit "frühzeitig" meine ich tatsächlich den Zeitpunkt, zu dem die Kinder noch Kinder sind. Versäumen Sie diesen, so laufen Sie Gefahr, dass sich ganz schnell eine Investorenmentalität in Ihrer Familie breit macht - ganz nach dem Motto: Wozu sollen wir uns den Stress noch antun? Die Chinesen zahlen einen guten Preis, davon legen wir uns besser ein schönes Aktienportfolio zu.

STB Web:
Ein Stück weit ist das doch nachvollziehbar, oder?

Prof. Dr. Tom Rüsen:
Dabei wird komplett verkannt, dass es eigentlich treuhänderisches Vermögen ist, das ein Familienunternehmen darstellt. Was verleiht einer sechsten Generation das Recht, dieses plötzlich für eigene Bedürfnisse zu realisieren? Um diesen Zusammenhang aber so zu sehen und zu verstehen, müssen Kinder von Anfang an in einem entsprechenden Wertesystem aufwachsen. Daher ist die frühzeitige Thematisierung so wichtig, die spielerisch beginnen kann.

Außerdem ist es natürlich nicht zweckmäßig, jemanden mit 18 Jahren auf eine Aussage festzunageln, an die er dann für alle Zeiten gebunden sein soll. Deshalb sollten diese Themen regelmäßig besprochen werden, am besten einmal pro Jahr an einem eigens diesem Zweck gewidmeten Tag außerhalb der normalen Logik der familiären Zusammentreffen.

STB Web:
Welche Rolle spielen Berater - speziell Steuerberater - dabei?

Prof. Dr. Tom Rüsen:
Der Steuerberater kann und sollte diesen Prozess anstoßen, so es ihn noch nicht gibt. Allerdings nicht im Sinne einer Verkaufsshow, nach dem Motto "Familienstrategie ist wichtig, und hier kommt mein Produkt dazu", sondern eher als Anregung und Netzwerkleistung. Unternehmer lernen oftmals am besten von anderen Unternehmern; der Steuerberater ist durch seine Vielzahl an Mandanten prädestiniert, entsprechende Kontakte zu vermitteln.

STB Web:
Was hat er denn selbst davon?

Prof. Dr. Tom Rüsen:
Ein dauerhaftes Mandat! Denn oftmals findet Nachfolgeberatung heute leider als komplette Fehlberatung statt. Das liegt daran, dass die Kausalität auf den Kopf gestellt wird - nicht zuletzt aufgrund der großen Aufgeschlossenheit des Unternehmermandanten, Steuern zu sparen und der professionellen Dienstleistung des Steuerberaters, der ja genau dafür antritt.

Doch die Reihenfolge ist genau anders herum: Nicht der steuerliche Aspekt steht an erster Stelle, sondern die Familienstrategie. Die Empfehlung darf nicht lauten: Hier musst du ein paar Anteile poolen und so weiter, sondern vielmehr: Das sind also Eure Pläne aus familienstrategischen Erwägungen heraus - dann lässt sich dieses und jenes steuerlich daraus machen.

 

Zur Person 

Prof. Dr. Tom RüsenProf. Dr. Tom Rüsen, Jahrgang 1974, ist seit elf Jahren Geschäftsführender Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen (WIFU) an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Universität Witten/Herdecke. Er forscht am WIFU unter anderem an Konflikt- und Krisendynamiken, dem strukturellen Risiko von Familienunternehmen, Mentalen Modellen in Unternehmerfamilien sowie an Familienstrategien und deren generationsübergreifender Evolution.

Alexandra BubaDas Gespräch führte Alexandra Buba. Sie ist freie Journalistin und spezialisiert auf die Themen der Steuerberatungsbranche (www.medientext.com). Alexandra Buba schreibt regelmäßig für die STB Web-Redaktion.