Kolumne: Eine Steuerberaterin macht Urlaub
Artikel vom: 23.09.2009
Von
StBin Cornelia Kisslinger-Popp, München *
Sommer, Sonne ... (Steuerberater-) Urlaub. Endlich werde ich mal richtig Abstand von der Kanzlei haben, richtig entspannen können, nicht nur so für ein Wochenende. Keine Telefonate, keine eMails, keine Besprechung - nichts. Hurra!Vorher muss ich nur noch den Schreibtisch leer arbeiten. Alle meine "Vormirherschiebearbeiten" erledigen. Wie jedes Jahr wieder Erstaunen darüber, dass das gar nicht so schlimm ist. Kein Schreiben mehr in der Postmappe, keine nicht durchgesehene Steuererklärung. Auch die blöde Mitteilung des Finanzamtes, dass man beabsichtigt, die Tantieme als verdeckte Gewinnausschüttung zu behandeln, habe ich dem Mandanten noch schonend beigebracht.
Geschafft. Jetzt nur noch: Sommer, Sonne, Entspannung!
Erster Urlaubsentspannungstag:
Entspannung pur. Keiner will was von mir. Ich überlege, wie wohl die italienische Gastfamilie besteuert wird. Blick auf das Handy: kein Anruf. Na ja, es ist ja Sonntag.
Zweiter Urlaubsentspannungstag:
Entspannung pur. Keiner will was von mir. Blick auf das Handy - kein Anruf. Ob ich mich wohl von mir aus mal im Büro melden soll, nur damit sie merken, man denkt an sie? Aber schon am Montag - wie sieht das denn aus?
Dritter Urlaubsentspannungstag: Entspannung pur. Keiner will was von mir. Blick auf das Handy - Fehlanzeige. Was heißt eigentlich Steuerberater auf italienisch - nur falls jemand wissen will was ich beruflich mache.
Vierter Urlaubsentspannungstag:
Entspannung pur. Keiner will was von mir. Die Gespräche mit den anderen Gästen kreisen um Ausflugsziele und die besten Restaurants. Über den Beruf spricht niemand. Blick auf das Handy: nichts. Steuerberater heißt auf italienisch
consulente fiscale, hab ich im Internet nachgeschaut. - Seh ich das richtig, heißt das also 'Berater des Finanzamtes'? Na, das wäre ja mal wenigstens ehrlich, hätt' ich den Italienern gar nicht zugetraut.
Fünfter Urlaubsentspannungstag:
Entspannung pur (gelogen - ich langweile mich). Man kann doch nicht immer nur
lesen, lesen, lesen
schwimmen, schwimmen, schwimmen
essen, essen, essen
schlafen, schlafen, schlafen .
Erst abends der Blick auf das Handy - ein Anruf in Abwesenheit (na also, geht doch).
Ich verlasse sofort das belebte Restaurant und gehe vor die Tür zum telefonieren. Dass das jetzt nach Angeberin aussieht, ist mir egal. Wie das aussieht, darauf kann ich jetzt keine Rücksicht mehr nehmen. Mandantin Ziemlich-Wichtig ruft mich im Urlaub an, da muss doch etwas passiert sein! Und tatsächlich: Ihr ist die Geschäftspartnerin kurzfristig vor der Geschäftseröffnung abgesprungen.
Mein Partner signalisiert von drinnen im Restaurant: die Vorspeise ist gekommen. Aber wen interessiert jetzt noch die ohnedies kalte Vorspeise. Ich werde hier gebraucht, und das sofort.
Ich beruhige die Mandantin, rede mit ihr über die möglichen Alternativen. Den Urlaub abbrechen werde ich nicht - auf keinen Fall, das scheint mir doch übertrieben. Obwohl?
Ich gehe zurück ins Restaurant an meinen Tisch. Die Vorspeise muss ich jetzt leider alleine essen. Die anderen sind bereits einen Gang weiter. Sie unterhalten sich lebhaft über den heutigen Tagesausflug. Will denn eigentlich niemand wissen, was bei mir am Telefon los war?
Nein niemand. Eine vage Vorstellung davon, wie es patriarchischen Firmeninhabern geht, neben die sich bei der Weihnachtsfeier keiner setzen mag, kommt in mir hoch. Ich stochere lustlos in meiner Vorspeise.
Sechster bis zwölfter Urlaubsentspannungstag:
Entspannung pur. Keiner will was von mir. Ich sollte wenigstens das Buch fertig bekommen. Dass man so lange am Stück nichts tun kann, und am nächsten Tag wieder nichts, weil man tags zuvor damit nicht fertig geworden ist – mit dem Nichtstun ........ unglaublich.
Letzter Urlaubsentspannungstag:
Entspannung pur. Das Handy liegt irgendwo rum. Interessiert mich so und so nicht mehr.
"Sag mal , was machst du eigentlich beruflich?" frägt mich die (schöne) Monika vom Bungalow nebenan. Mit Monika, ihrem Mann und reichlich Rotwein verbringen wir nämlich den letzten Urlaubsabend. "Ach so, ja, also, ich bin Steuerberaterin“, antworte ich, "und Du?" - "Ist nicht wahr, das ist ja nett, mein Mann auch und ich arbeite bei ihm mit." lacht Monika (reichlich beschwipst übrigens).
Alles hat doch sein Gutes im Leben.
Monika und ihr Mann hätten mir wahrscheinlich den ganzen Urlaub von ihrer tollen Kanzlei vorgeschwärmt. Na, das hätt mir ja gerade noch gefehlt. Und das im Urlaub, wo man doch wirklich mal entspannen will.
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Hinweis: Beachten Sie bitte das Datum dieses Artikels. Er stammt
vom 23.09.2009, sodass die Inhalte ggf. nicht mehr dem aktuellsten
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