Krankenstand wie vor zehn Jahren - doch 40 Prozent mehr psychische Störungen
Artikel vom: 14.06.2010
Obwohl der Krankenstand mittlerweile mit 3,3 Prozent wieder das
Niveau von vor zehn Jahren erreicht hat, haben die psychisch bedingten
Krankschreibungen bei Deutschlands Erwerbspersonen im selben Zeitraum um
fast 40 Prozent zugenommen. Dies geht aus dem Gesundheitsreport hervor,
den die Techniker Krankenkasse (TK) vorgestellt hat.
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Erstmals hat die Krankenkasse dabei nicht nur die Daten zu
Krankschreibungen und Arzneiverordnungen des vergangenen Jahres
analysiert, sondern die Entwicklungen einer ganzen Dekade betrachtet.
Hauptursachen für Fehlzeiten der Beschäftigten und Arbeitslosen in
Deutschland sind danach neben Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems
zunehmend psychische Störungen. Von den gut zwölf Tagen, die jeder im
letzten Jahr krankgeschrieben war, waren 1,6 Tage psychisch bedingt.
Die
Pop up-Arbeitswelt raubt den letzten Nerv
Professor Dr.
Norbert Klusen, Vorsitzender des TK-Vorstandes erklärt, dass sich die
Arbeitswelt in diesen zehn Jahren deutlich gewandelt habe. Immer mehr
Beschäftigungsverhältnisse seien befristet, dank moderner
Kommunikationsmittel sei man mittlerweile rund um die Uhr und nahezu
überall erreichbar. Klusen bezeichnete die heutige Arbeitswelt als "Pop
up-Gesellschaft", in der der Arbeitsrhythmus immer seltener
selbstbestimmt ist. Immer häufiger würden der Computerbildschirm und die
darauf erscheinenden Pop up-Fenster über neue Posteingänge,
Kurznachrichten und Ähnliches Arbeitsabläufe diktieren.
Beunruhigend
ist laut TK auch das enorme Volumen der verordneten Antidepressiva, das
sich innerhalb der letzten zehn Jahre bei Frauen nahezu verdoppelt hat.
Bei Männern liegt der Zuwachs sogar bei fast 120 Prozent. Auffällig ist
zudem, dass arbeitslose Frauen doppelt so viele Antidepressiva erhalten
wie berufstätige Frauen. Arbeitslose Männer liegen sogar um 200 Prozent
über dem Volumen der Berufstätigen. Dr. Thomas Grobe vom Institut für
Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover
(ISEG), der die Daten für die TK ausgewertet hat: "Arbeitslose sind von
nahezu allen Diagnosen häufiger betroffen als jede andere Gruppe.
Besonders groß ist die Schere jedoch bei den psychischen Störungen."
Die
Politik beeinflusst die Krankenstände
Die hohen
psychisch bedingten Fehlzeiten entstehen aber nicht nur durch eine
steigende Anzahl von Krankheitsfällen, sondern in erster Linie durch die
sehr lange Krankheitsdauer. Dies zeigen auch die Daten zum Krankengeld,
auf das Erwerbspersonen Anspruch haben, die länger als sechs Wochen
krankgeschrieben sind. In den ersten Jahren dieser Dekade war der
Krankengeldbezug noch rückläufig. 2004 machten die mit Krankengeld
verbundenen Fehlzeiten gut 26 Prozent der Gesamtfehlzeit aus und ein
durchschnittlicher Krankengeldanspruch dauerte 84 Tage. Seit der
Einführung der Hartz-Gesetzgebung ist der Anteil der mit Krankengeld
verbundenen Arbeitsunfähigkeiten auf fast 30 Prozent gestiegen und jeder
Anspruch dauert im Durchschnitt fast 100 Tage. "Viel wurde in den
letzten Jahren über den Zusammenhang von Konjunktur und Krankenstand
diskutiert. Die Zehn-Jahresbetrachtung des TK-Gesundheitsreports zeigt,
dass sehr viele verschiedene Ereignisse - Arzneimittelskandale,
Gesetzesänderungen und Arbeitsmarktreformen - die Fehlzeiten auf
verschiedenste Weise beeinflussen", erklärte Klusen. Die auffälligsten
Veränderungen bei den Gesundheitsdaten zeigen sich nach Einführung der
Hartz-Gesetze ab 2005. "Das zeigt, dass auch arbeitsmarktpolitische
Maßnahmen deutliche Auswirkungen auf das Gesundheitswesen haben.
Gesundheitspolitik ist also weit mehr als das Entwickeln von
Sparmaßnahmen für die gesetzliche Krankenversicherung", so der
TK-Vorstand.
(TK / STB Web)
Hinweis: Beachten Sie bitte das Datum dieses Artikels. Er stammt
vom 14.06.2010, sodass die Inhalte ggf. nicht mehr dem aktuellsten
(Rechts-) Stand entsprechen.
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