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Artikel vom: 24.03.2010
Von StBin und Wirtschaftsmediatorin Sylvia Ahlers, Wiesbaden *
Wer an seiner Steuererklärung verzweifelt, geht zum Steuerberater. Wer Streit mit seinem Nachbarn hat, geht zum Anwalt. Aber was ist, wenn Steuerberater oder Anwälte selbst Rat suchen, zum Beispiel, wenn sie unsicher sind, wie es in Zukunft weitergehen soll? Ein aus der Industrie stammendes Verfahren bietet Auswege.
Sie hatten sich einen guten Namen gemacht und bekamen viele interessante Mandate: Der Steuerberater, der gemeinsam mit mehreren Partnern eine Sozietät betrieb, hatte eigentlich keinen Grund zum Klagen. In zwei Jahren wollte er altersbedingt ausscheiden, doch die verbleibende Zeit türmte sich wie ein Berg vor ihm auf: Er fühlte sich ausgebrannt und antriebslos, der Gang zur Arbeit fiel ihm immer schwerer, und mit dem zweiten Seniorpartner kam er schon lange nicht mehr klar. Einst hatte er mit ihm zusammen die Kanzlei gegründet. Nun konnte ihm allein der Gedanke, ihn montags wieder im Büro zu treffen, das Wochenende verderben.
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Foto: iStock.com / matspersson0
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Eine ausweglose Situation? Nein, denn die Partner fanden einen Ausweg. Mithilfe eines aus der Industrie stammenden Verfahrens konnten sie ihre Zusammenarbeit erfolgreich fortsetzen. Szenario-Coaching nennt sich die Methode, die ursprünglich entwickelt wurde, um Unternehmen fit für die Zukunft zu machen. Der Grundgedanke: Niemand kann vorhersehen, wie sich die Produkte und die Märkte der Zukunft entwickeln. Aber man kann verschiedene Szenarien entwerfen und versuchen, sich auf mögliche Entwicklungen vorzubereiten. Szenario-Coaching hilft den Unternehmen deshalb nicht nur, sich einen Plan für die Zukunft zurechtzulegen. Es sorgt auch dafür, dass sie einen Plan B oder C in der Tasche haben, wenn die eigentliche Strategie nicht aufgeht.
Diese Methode erweist sich nicht nur bei großen Konzernen, sondern auch im Kleinen als nützlich. Wie soll sich eine Steuerberatersozietät oder Anwaltskanzlei entwickeln? Wie stellen sich die Partner die Zukunft vor? Was läuft gut, was lässt sich verbessern? Oft haben die Beteiligten völlig unterschiedliche Vorstellungen, ohne darüber offen zu sprechen. Das Szenario-Coaching hilft ihnen dabei, eine gemeinsame Linie zu finden.
Wege aus Krisen finden ...
Damit gelang es auch der Steuerberatersozietät, einen Weg aus der Krise zu finden. Das moderierte Gespräch, das einer der Juniorpartner angeregt hatte und zu dem sich schließlich auch seine Mitstreiter bereit erklärt hatten, machte allerdings schnell deutlich: Die sechs waren gar nicht in der Lage, sich über die Zukunft Gedanken zu machen. Sie mussten zunächst einmal den Konflikt in ihrer Mitte lösen.
Normale Meetings sind meist geprägt von den vorherrschenden Rollenmustern und Hierarchien innerhalb der Teams. In einem moderierten Gespräch an einem neutralen Ort außerhalb der Geschäftsräume hingegen können 'Nebenschauplätze' ausgeblendet und das Gespräch auf das Wesentliche konzentriert werden, so dass auch das Äußern sehr persönlicher Meinungen und Befürchtungen einen geschützten Raum findet. Der ist auch deshalb sehr wichtig, um bei möglichen unerwarteten Äußerungen, emotionalen Reaktionen und der daraus in Gang gesetzten Beziehungsdynamik zwischen den Beteiligten einer Eskalation der Situation vorzubeugen.
Dabei gilt es, durch gezieltes Nachfragen herauszufinden, was die Beteiligten tatsächlich bewegt – keine einfache Aufgabe, denn das ist vielen Beteiligten zunächst selbst nicht klar. Eine festgelegte Struktur gibt es beim Szenario-Coaching nicht. Es handelt sich um ein sehr individuelles, dynamisches Verfahren, das sich nicht an einem starren Schema, sondern an der jeweiligen Situation orientiert.
Anders als Wirtschaftsmediation
Das Szenario-Coaching bedient sich dabei der Fragetechniken aus der Wirtschaftsmediation. Auch wenn sich die Arbeitsmittel - Kommunikations- und Kreativitätstechniken sowie Methoden zur Visualisierung des Gesagten - ähneln, unterscheidet sich die Zielsetzung doch deutlich: Bei der Mediation geht es darum, einen Konflikt oder eine Trennung zu regeln und dabei die persönliche Beziehung zu erhalten. Ziel des Szenario-Coachings dagegen ist, sich auf einen gemeinsamen Weg in die Zukunft zu einigen.
Persönliche Konflikte in Geschäftspartnerschaften
Im Beispiel der Sozietät gestand der Seniorpartner auf gezieltes Nachfragen schließlich vor den Kollegen die Ursache für seinen Frust ein: Er sei völlig verzweifelt und könne zuhause nicht mehr abschalten, denn die selbstherrliche Art des zweiten Seniorpartners verleide ihm die Arbeit. Der wiederum war bestürzt: Er hatte zwar die schlechte Stimmung in der Sozietät bemerkt, dafür aber keine Ursache finden können. Dass sein eigenes Verhalten schuld daran sein könnte, hatte er nie in Erwägung gezogen. Wie auch? Sein Partner hatte ja auch bislang nie offen ausgesprochen, dass er sich unwohl fühlte.
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Foto: iStock.com / kutaytanir
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Beim Szenario-Coaching geht es allerdings nicht darum, einen Schuldigen zu finden, sondern die wichtigsten Wegmarken für die gemeinsame Zukunft auszuhandeln und auch schriftlich zu vereinbaren. Im Fall der Steuerberatersozietät hielten die Partner verschiedene Punkte fest: Sie vereinbarten regelmäßige Treffen in kleinem Kreis, eine bessere Büroorganisation, mehr Kommunikation mit den Mitarbeitern – und ein monatliches Treffen nach Feierabend in einer Kneipe. Mit diesen Vereinbarungen werden die Beteiligten jedoch nicht allein gelassen. Ebenso wie ein Vorgespräch gehört mindestens ein Nachtreffen zum Szenario-Coaching. Dabei wird überprüft, ob die Vereinbarungen auch eingehalten wurden.
Bei den Partnern der Steuerberatersozietät ist dies, eineinhalb Jahre nach dem Coaching-Termin, immer noch der Fall: Sie haben ihre Vereinbarungen umgesetzt, und wenn sie sich zweimal im Jahr zur Nachbesprechung treffen, dann ist die Stimmung entspannt. Und schon beim ersten Folgetermin nach drei Monaten fanden sie Gelegenheit, endlich über das Thema zu sprechen, um das es beim Szenario-Coaching eigentlich geht: Die erfolgreiche Zukunft ihrer Sozietät.
* Hinweise zur Autorin
Sylvia Ahlers ist Dipl.-Betriebswirtin, selbstständige Steuerberaterin und Wirtschaftsmediatorin und leitet Workshops zum o. g. Thema.
Weitere Informationen: www.sylvia-ahlers.de
Kontakt:
Telefon: (0172) 6999216
E-Mail: info@sylvia-ahlers.de
(STB Web)
Hinweis: Beachten Sie bitte das Datum dieses Artikels. Er stammt vom 24.03.2010, sodass die Inhalte ggf. nicht mehr dem aktuellsten (Rechts-) Stand entsprechen.
09.02.2012