Steuerberater, quo vaditis? Beratungsfelder mit Zukunft
Artikel vom: 25.11.2009
Von Daniel Grosse, Marburg *
Sie erkennen nicht nur wirtschaftliche Schieflagen bei ihren Mandanten.
Gestaltende Beratung, Lotse, Existenz- und Zukunftssicherung sind die neuen
Stichworte. Und auch sonst wartet eine Menge Arbeit auf die Steuerzunft.
Ob es jemals gelingt, das Steuerrecht zu entzerren, Vorschriften zu reduzieren? Und wenn ja, was wäre die Folge für Berufe rund um Steuern? Steuerberatern könnte es womöglich genauso ergehen, wie vor Millionen von Jahren den Dinosauriern. Ende und Aus. "Die Steuerberaterbranche ist sicher nicht vom Aussterben bedroht. Steuerberater werden auch weiterhin in den Kerngebieten ihre Dienste anbieten, also Vorbehaltsaufgaben übernehmen wie Deklarations- und Steuergestaltungsberatung sowie Steuerrechtsdurchsetzungsberatung", beruhigt Rechtsanwalt Markus Deutsch, Referent für Steuerrecht und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Steuerberaterverband in Berlin.
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"Foto: Nora Schmidt- Keßeler, B StBK |
Aber es tut sich etwas in der Branche. Nicht nur deshalb, weil die Zahl der Mandanten zurückgehen wird, oder weil Steuerberater sich zunehmend mit Eigen-Marketing beschäftigen müssen. Es ist gravierender. "Das Berufsbild wandelt sich. Der Anteil der vereinbaren Tätigkeiten nimmt zu", sagt etwa Nora Schmidt-Keßeler, Hauptgeschäftsführerin der Bundessteuerberaterkammer in Berlin. Hintergrund ist der tatsächliche Bedarf der Mandanten in Zukunft. Damit geht es um künftige Arbeits- und Geschäftsfelder, die sich Steuerberater erschließen sollten. Das birgt Chancen. Die Palette der vereinbaren Tätigkeiten etwa reicht von der betriebswirtschaftlichen Beratung über die Verwaltung fremden Vermögens und das Halten von Gesellschaftsanteilen bis zur Wahrnehmung des Amtes als Testamentsvollstrecker.
Rohstoff "Wirtschaftsdaten": Fibu bietet ChancenNeue Geschäftsfelder für den steuerberatenden Beruf könnten sich nach Meinung Schmidt-Keßelers aber auch bereits aus einer Optimierung seiner klassischen Aufgaben ergeben. "Wie keinem anderen stehen dem Steuerberater mit der Buchhaltung Wirtschaftsdaten zur Verfügung." Ausgehend davon, dass es das Ziel der Steuerberatung sein müsse, die steuerliche Situation des Mandanten zu verbessern und nach Möglichkeit zu optimieren, bestehe ein großer Bedarf für steuerliches Fachwissen auch im Felde der klassischen Gestaltungsberatung. Die Expertin nennt dort etwa die Einführung einer Kostenrechnung oder den Aufbau eines Berichtswesens bei Mandanten.
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Foto: Prof. Thomas Katz |
Ähnlich sieht das Prof. Thomas Katz, Dekan des Fachbereichs I, Steuern und Prüfungswesen, an der SRH Hochschule Calw. Auch für ihn geht es weg vom reinen Erfüllungsgehilfen zur Erledigung steuerlicher und handelsrechtlicher Pflichten, weg von den eher mechanisch abgewickelten Deklarationsarbeiten und hin zum Gestaltungsberater. Er müsse vielmehr ein kompetenter Partner für Fragen der Existenz- und Zukunftssicherung werden, ein Partner in betriebswirtschaftlichen Fragestellungen von Unternehmen. "Standardisierte Leistungen wie Finanz- und Lohnbuchhaltung sowie Einkommensteuererklärungen treten künftig eher in den Hintergrund – sie werden vermehrt durch fertige Software ersetzt", sagt Steuerberater Ralph Böttcher von der DanRevision-Gruppe in Flensburg.
International Denken und Handeln
Die Welt ist vernetzt, Märkte sind global, beides fordert ein Umdenken. Gefordert sind Steuerberater zunehmend auch auf Feldern wie internationalem Steuerrecht und Transaktionssteuerrecht. Selbst über internationale Rechnungslegungsvorschriften benötigen die Experten gute Kenntnisse.
"Individualisierung, Spezialisierung und Alleinstellungsmerkmale im Bezug auf neue Geschäftsfelder stehen im Vordergrund", ist sich Ralph Böttcher sicher, "zum Beispiel Wirtschaftsberatung, wirtschaftsjuristische Beratung und Nachfolge." Auch Spezialgebiete wie grenzüberschreitende Steuerberatung machen zukunftsfähig. Beispiel Deutschland-Schweden, dazu sagt Böttcher: "Für uns ist etwa die Ansprache unserer skandinavischen Mandanten in ihrer Muttersprache von großer Bedeutung, denn sie signalisiert Achtung und Interesse und unterstreicht uns als kompetenten Ansprechpartner."
Mandanten erwarten heute mehr - Aber was?
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Foto: Ralph Böttcher, DanRevision |
Beim Beratungsfeld "Existenz- und Zukunftssicherung" thematisieren Untersuchungen das Problem "Selbstwahrnehmung – Fremdwahrnehmung". Viele Steuerberater meinen zwar, sie leisten genug in diesem Beratungsfeld. Mandanten finden das oftmals nicht. Offenbar erwarten Mandanten in dieser Hinsicht anderes und mehr. Aber was? "Qualität ist, wenn meine Mandanten es merken", antwortet Ralph Böttcher. Dementsprechend setzt er auf den Dialog. Der gehe über Standards wie die
Erstellung eines Businessplans und die Unterstützung bei Bankgesprächen
hinaus. "Vielmehr führen wir regelmäßige Entwicklungsgespräche mit unseren Mandanten, um frühzeitig eventuelle Abwärtstrends zu erkennen - und um so rechtzeitig Maßnahmen zur Abwendung zu ergreifen. Und wir bieten eine wachstumsorientierte Zukunftsberatung an."
Der Steuerberater von morgen wird zum Lotsen für Unternehmen, wie es Nora
Schmidt-Keßeler von der Bundessteuerberaterkammer formuliert. Der Steuerberater sollte ihrer Meinung nach kompetenter Ratgeber seines Mandanten bei der strategischen Unternehmensplanung sein. Diese reiche von der Festlegung von Unternehmenszielen über Budgetierung, Finanz- und Investitionsplanung und Controlling bis zum Chancen- und Risikomanagement für das Unternehmen.
Fortbildung enorm wichtig
Beratung nach Schema F, die Beratung "von der Stange", scheint passé zu sein.
Vielmehr unterstützt der moderne Steuerberater seine Mandanten auch beim
Gespräch mit der Hausbank, ist Ansprechpartner beim Rating beziehungsweise bei der Vorbereitung einer Kreditgewährung. Und der Steuerberater navigiert in Krisenzeiten und zeigt Wege zur Sanierung auf. "Und wenn nichts mehr geht, begleitet er seinen Mandanten durch die Insolvenz", sagt Schmidt-Keßeler.
Spezialisierung, Fortbildung und Schulung sind künftig das A und O. Auch weil betriebswirtschaftliche Beratung immer wichtiger wird, qualifizieren zum Beispiel Abschlüsse zum "Fachberater für Sanierung und Insolvenzverwaltung" sowie zum "Fachberater für Unternehmensnachfolge" zusätzlich. Nach Angaben des Deutschen Steuerberaterverbandes gab es bis Oktober 2009 insgesamt 538 nach Verbandskriterien zertifizierte Fachberater. Im Einzelnen: 271 "Fachberater für Sanierung und Insolvenzverwaltung", 195 "Fachberater für Unternehmensnachfolge" und 57 "Fachberater für Testamentsvollstreckung und Nachlassverwaltung" sowie 15
"Fachberater für Rating".
Keine Zeit zum Ausruhen
Die Dinosaurier sind also mehr gefordert denn je. Wer denkt bei diesem skizzierten Markt der Möglichkeiten noch ans Aussterben. Da klingt das, was Hochschul-Dekan Thomas Katz eigentlich als Kritik anbringt, für die Steuerzunft fast schon wieder existenzsichernd: "Selbst wir als Experten können teilweise wegen der komplizierten Gestaltung und Formulierung von neuen gesetzlichen Vorschriften diese ohne erläuternde Fachveranstaltungen oder umfangreiche Anwendungserlasse per se nicht mehr verstehen." Wer berät die Steuerberater und Hochschuldozenten? - Vielleicht auch ein neues Tätigkeitsfeld.
Hinweise zum Autor

Seit
2006 ist Daniel Grosse als freier Journalist, Redakteur, Autor und
Ghostwriter für verschiedene Print- und Online-Medien tätig. Seine
Themen: Arbeit, Beruf, Wirtschaft, Recht, Alter, Bauen und Wohnen. Der
Jurist ist Mitautor des Fachbuchs "Das Schreibbuch - das Handbuch für
alle, die professionell schreiben". Daniel Grosse lebt und arbeitet in
Marburg. Er volontierte bei der Regionalzeitung
Hessische/Niedersächsische Allgemeine HNA.
(STB Web)
Hinweis: Beachten Sie bitte das Datum dieses Artikels. Er stammt
vom 25.11.2009, sodass die Inhalte ggf. nicht mehr dem aktuellsten
(Rechts-) Stand entsprechen.
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