Artikel-Archiv:

Sie sind hier: Startseite » Fachartikel & News »

Schrift:

Steuern- und Sozialabgaben konzentrieren sich in Deutschland bei Gering- und Durchschnittsverdienern

Artikel vom: 14.05.2009

(OECD / STB Web)
Deutschland belastet wie kaum ein anderes OECD-Land die Einkommen von Gering- und Durchschnittsverdienern mit Sozialabgaben und Steuern. Dies gilt für Singles wie auch für Paare und Familien mit zwei Erwerbstätigen. Arbeitet hingegen nur einer der Partner, sind die Abzüge im Vergleich eher moderat und das unabhängig davon, ob Kinder versorgt werden oder nicht.
Anzeige


istockphoto.com
Dies geht aus einer aktuellen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Steuer- und Abgabenlast hervor. Danach beliefen sich 2008 in Deutschland Steuern und Sozialabgaben für einen alleinstehenden Geringverdiener mit 2/3 des Durchschnittsverdienstes auf 47,3 Prozent der Arbeitskosten (Bruttoverdienst plus Sozialbeiträge der Arbeitgeber). Dies ist nach Belgien der zweithöchste Wert.

Die Untersuchung legt zum ersten Mal detaillierte Daten zur Steuer- und Abgabenlast für nahezu das gesamte Einkommensspektrum vor und bringt so eine Besonderheit des deutschen Systems ans Licht: Anders als die progressive Einkommenssteuer vermuten lässt, sinkt in Deutschland die Belastung der Arbeitseinkommen ab einem bestimmten Punkt wieder. So fallen in Deutschland bei einem Single mit einem Jahresgehalt von rund 63.000 Euro mit 53,7 Prozent die höchsten Abzüge durch Steuern und Sozialbeiträge an. Bei 110.000 Euro Jahresgehalt müssen dagegen nur noch 50 Prozent der Arbeitskosten abgeführt werden. Die Steuer- und Sozialabgabenquote liegt damit wieder auf dem Niveau eines Arbeitnehmers mit 36.500 Euro Jahresgehalt.

Hintergrund für diesen Effekt ist die große Bedeutung der Sozialabgaben, die aufgrund der Beitragsbemessungsgrenzen ab einem gewissen Einkommen völlig wegfallen. Würde man auch die Pendlerpauschale und andere an besondere Voraussetzungen geknüpfte Steuerfreibeträge berücksichtigen, wäre die Entlastung am oberen Ende der Einkommensskala noch deutlicher.


Der ewig deutsche Sonderweg: Subvention der Alleinverdiener-Ehe

Auch bei Paaren und Familien unterscheidet sich die Verteilung der Abgabenlast in Deutschland deutlich von der anderer Länder. So liegt die Steuer- und Abgabenlast für Verheiratete mit nur einem Erwerbstätigen in Deutschland eher im Mittelfeld und das unabhängig davon, ob Kinder zu versorgen sind oder nicht. Mit einer Steuer- und Sozialbeitragsquote von 36,4 Prozent für einen Durchschnittsverdiener mit 2 Kindern liegt Deutschland auf Platz 10. Wenn beide Partner arbeiten, liegt Deutschland bei der Abgabenlast wieder in der Spitze.

Damit setzt das deutsche Steuer- und Abgabensystem - ungeachtet gesellschaftlicher Realitäten und familienpolitischer Zielsetzungen - wenig wirtschaftliche Anreize, die Erwerbsarbeit auf beide Partner zu verteilen. Vielfach wird eine solche Aufteilung sogar bestraft. So muss etwa ein Ehepaar mit zwei Kindern, wenn einer der Partner 44.000 Euro und der andere 14.500 Euro brutto verdient, 41,4 Prozent als Steuern und Sozialbeiträge abführen (bezogen auf die Arbeitskosten). Verdient einer der Partner das gleiche Geld alleine, dann fallen nur 38,9 Prozent der Arbeitskosten an Steuern und Abgaben an. Etwaige Kosten für Kinderbetreuung sind hier noch nicht berücksichtigt.

Besonders weit über dem Mittel liegt in Deutschland die Abgabenlast für Alleinerziehende mit geringem Einkommen (zwei Kinder und 2/3 des Durchschnittslohns). Hintergrund für diesen großen Unterschied ist, dass viele Länder diesem Personenkreis umfangreiche staatliche Transfers gewähren. In einigen Ländern führt das dazu, dass der Arbeitnehmer sogar netto mehr in der Tasche hat als der Arbeitgeber brutto zahlt.


Zu Guttenberg will kalte Progression bekämpfen

Bundeswirtschaftsminister Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg zeigte sich durch die Ergebnisse der Studie alarmiert: "Die Belastung mittlerer Einkommen ist in Deutschland besonders hoch. Wir müssen sie so bald wie möglich deutlich senken. Darin bestärkt mich die neue Studie der OECD. Die Ergebnisse bestätigen, dass wir gerade bei der Einkommensteuer etwas tun müssen." so der Minister. Die Entlastungen durch das zweite Konjunkturpaket seien bei Weitem nicht ausreichend. "Die hohe Belastung unserer Leistungsträger wirkt sich gerade in diesen schwierigen Zeiten wachstumshemmend aus. Ich halte es für unabdingbar, dass wir Steuerentlastungen - etwa im Rahmen der Bekämpfung der Kalten Progression - zu Beginn der nächsten Legislaturperiode in Angriff nehmen."


Weiterführende Informationen:

OECD-Studie "Taxing Wages 2009"

Hinweis: Beachten Sie bitte das Datum dieses Artikels. Er stammt vom 14.05.2009, sodass die Inhalte ggf. nicht mehr dem aktuellsten (Rechts-) Stand entsprechen.

 

08.02.2012

 
  • Kostenloser Steuerberater-Newsletter
  • Über 5.000 Abonnenten