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Einkommensdiskussion: 'Sorge um Mittelschicht übertrieben'

Artikel vom: 21.07.2010



Vor einigen Wochen sorgte eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) für Aufsehen. Die Kernthese lautete: Die Einkommensgegensätze in Deutschland zwischen Arm und Reich nehmen immer mehr zu - und die Mittelschicht verliert. STB Web hat sich die Zahlen gemeinsam mit einem Experten angeschaut. Prof. Dr. Thomas Bauer lehrt an der Universität Bochum und forscht beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen.


STB Web:

Die DIW-Studie zur Polarisierung der Einkommen war vor einigen Wochen in aller Munde. Der Tenor: Die Mittelschicht verliert. Schaut man sich die Studie etwas genauer an, so wird man doch etwas stutzig ob dieser Analyse, denn per Definition gehören all diejenigen mit einem Haushaltseinkommen von mehr als 1.844 Euro bereits zu den Reichen. Ist die Kernthese der Studie, dass der Mittelschicht in Deutschland wegbricht, tatsächlich haltbar?

Bauer:
Prof. Dr. Thomas Bauer
von der Universität Bochum hält die Sorge
um die Mittelschicht
für übertrieben.


Nein, ich glaube, sie ist vollkommen übertrieben. Es mag Anzeichen dafür geben, aber die Schlussfolgerung, die Mittelschicht sei in Gefahr oder würde verschwinden, ist weit überzogen. Man müsste hier eine wesentlich genauere Analyse vornehmen - also beispielsweise schauen, inwieweit die Tendenz zu Singlehaushalten zumindest die Bewegung nach unten mitbestimmt. Wir haben sehr hohe Scheidungsraten, wir haben eine starke Tendenz, Single-Haushalte zu gründen. Solche gesellschaftlichen Entwicklungen können die Datenlage beeinflussen.

STB Web:
Sie sagen, dass man die DIW-Studie in den Medien falsch interpretiert hat. Warum?

Bauer:
Es gibt einige Probleme ganz allgemeiner Art bei der Armutsdiskussion, wie wir sie in Deutschland führen. Das liegt an dem Indikator, den wir für Armut verwenden: Üblicherweise nehmen wir das Median-Einkommen, also das Einkommen, das genau die 50 Prozent der untersten Einkommen von den 50 Prozent der obersten Einkommen trennt.

Das Gute am Median-Einkommen ist, dass es von Ausreißern nicht stark beeinflusst werden kann. Aber es ist ein relatives Armutsmaß und kein absolutes. Der Indikator, den wir verwenden, ist ein Verteilungsindikator, kein Armutsindikator. Wenn wir nach diesem Indikator eine hohe Prozentzahl von Personen haben, die als arm klassifiziert werden, heißt das nicht, dass diese hungern müssen. Es heißt nur, dass die Verteilung nicht gleichmäßig ist.

STB Web:
Wobei es natürlich auch nicht darum gehen kann, dass jemand erst hungern muss, um als arm zu gelten. Es geht hier ja um die relative Armut in Deutschland.

Bauer:
Ich halte das Wort "Armut" hier für unangebracht. Man sollte es als das bezeichnen, was es ist: nämlich ein Verteilungsmaß. Von Armut zu sprechen, halte ich für das völlig falsche Signal - das auch zu falschen Politikmaßnahmen führt. Die falschen politischen Reaktionen wären, einfach nur Einkommenstransfers vorzunehmen oder eine stärkere Umverteilung durch Steuern. Das würde mittel- bis langfristig schlicht nicht helfen, sondern es muss mehr in die Bildung der Menschen investiert werden. Die Bildung entscheidet über nahezu alles - und hier muss Deutschland aufholen und weit mehr Geld ausgeben.

STB Web:
Das DIW beruft sich auf Definitionen in Anlehnung an den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung; die EU fasst die Spanne etwas weiter, und zwar in beide Richtungen. Legt man Armut und Reichtum mit der gewählten Definition also nicht sowieso zu eng fest?

Bauer:
Ich plädiere dafür, hier nicht nur diesen einen Indikator zu verwenden, sondern ihm andere Indikatoren hinzuzufügen, um ein genaueres Bild zu bekommen. Man muss genauer analysieren, was wirklich in den einzelnen Bereichen passiert. Die Zahlen zeigen, dass der Anteil der Mittelschicht um einige Prozentpunkte abgenommen hat. Die Frage ist, warum geschieht dies? Gibt es Veränderungen in der Haushaltsgröße, die das Ganze bewirken? Gibt es eine andere Struktur der Familien, die wir sehen - und wie groß ist die Kluft zwischen gut und schlecht Ausgebildeten? Was wir sehen, nicht nur in Deutschland, ist, dass insbesondere durch die Globalisierung und den technischen Fortschritt die Einkommensungleichheit zunimmt. Hier muss politisch reagiert werden. Die große Frage ist, wie - insbesondere, wie wir die auffangen, die eine schlechte Ausbildung haben. Fangen wir die auf, indem wir im Grunde ihre Arbeitslosigkeit alimentieren, so wie wir es bisher weitgehend gemacht haben? Oder versuchen wir, diese Leute in eine Beschäftigung zu bringen - und sei es eine subventionierte Beschäftigung über Kombilöhne. Das wäre immer noch günstiger, als das Nichtstun zu subventionieren. Aber diese Diskussion ist in Deutschland schlicht noch nicht abgeschlossen.

STB Web:
Es gibt relativ wenige Daten etwa vom Statistischen Bundesamt, mit denen man diese Verteilungsanalyse in den Griff bekommen könnte. Welche Indikatoren müssten Ihrer Meinung nach verwendet werden?

Bauer:
Dagegen zu stellen wäre zum einen ein absoluter Armutsindikator. Der müsste erst definiert werden - allerdings kaum von der OECD oder von der Weltbank, wo etwa 1 Dollar pro Tag als Armutsgrenze gilt. Das wird für uns nicht zutreffen, sondern hier muss man sich wirklich zusammensetzen und festlegen, ab welchem Einkommen in Deutschland jemand als arm gilt. Das können die Hartz-IV-Sätze sein, denn im Prinzip haben wir hiermit schon einen absoluten Armutsindikator definiert. Jeden, der weniger hat als Hartz IV, könnte man als arm definieren. Dann müsste man ihn zumindest auf dieses Hartz-IV-Niveau heben, wenn das von der Gesellschaft als Mindesteinkommen definiert ist. Das aber wieder wäre eine gesellschaftliche Diskussion.

Zum anderen müssten natürlich auch Indikatoren wie Bildung oder gesellschaftliche Teilhabe zusammen mit dem reinen Einkommensbegriff kombiniert werden. Und was wir etwa bei der DIW-Studie sehen, ist nur das monatliche Einkommen - nicht jedoch das Vermögen. Denn das wird üblicherweise nicht abgebildet. Das liegt daran, dass die Befragten vielleicht auch nicht sagen möchten, wie viel Geld sie auf der Sparkasse haben oder ob sie Eigentum haben. Aber es macht eben schon einen Unterschied, ob Sie jemand nehmen, der monatlich Miete zahlen muss und ihn mit einer Familie vergleichen, die das gleiche Einkommen hat, aber im eigenen Haus wohnt.

STB Web:
Was hat es dann mit der in der Studie angesprochenen Statuspanik auf sich: Ist Panik tatsächlich angebracht?

Bauer:
Ich glaube nicht. Zum einen sind die Verschiebungen zwischen den Einkommensschichten vergleichsweise gering, sodass ich sie ökonomisch noch nicht für signifikant halte. Zum anderen dürfte sich ein Großteil der Bewegungen zwischen den einzelnen Einkommensschichten durch andere Veränderungen erklären lassen. Veränderungen, die man politisch nicht in den Griff bekommen kann - etwa hohe Scheidungsraten oder der Trend zu Single-Haushalten. Das sind individuelle Entscheidungen, auf die die Politik ganz schwer Einfluss nehmen kann - was übrigens auch für die Familienpolitik gilt.

Man sollte die DIW-Studie als das nehmen, was sie ist - nämlich eine Beschreibung des Einkommenszustandes. Jetzt müsste man analysieren, warum das so passiert ist. Erst wenn man das "Warum" kennt, weiß man, wo die Politik eingreifen kann - und wo nicht.



Die Studie des DIW und deren Ergebnisse können Sie hier nachlesen.



(STB Web)




 

02.09.2010

 
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