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Social Business: Eine Frage der Geisteshaltung

Artikel vom: 24.02.2010

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Von Daniel Grosse, Marburg *


Zu verschenken haben auch die Menschen nichts, die sich mit oder für ein Social Business engagieren. Aber solche Unternehmer und Freiberufler gehen zumindest sensibler um mit Begriffen wie Profit, Moral und Armut.


Foto: WP/StB André Marius Le
Prince, Mitgründer der Kopeme Bank
in Togo
Leben in extremer Armut, kein sauberes Trinkwasser, drei Kinder, ständig krank, verwurmt, der Schulbesuch ist von humanitärer Hilfe abhängig, es gibt nichts zu essen. Ein Mikrokredit von 15 Euro verändert für die Familie bereits einiges. Die Kopeme Bank in Togo vergibt solche Darlehen. So sei die Familie in der Lage, Gemüse auf dem Großmarkt zu kaufen, einen Marktstand einzurichten, einen Gewinn von 30 bis 60 Euro pro Woche zu erzielen. Und die Familie könne den Kredit in wöchentlichen Raten von 1,50 Euro zurückzahlen. Auch die Miete für eine Wohnung samt Latrine sei dank des Mikrokredits möglich, ist in einer Unternehmenspräsentation zu lesen.

Ein Weg aus der Armut? Ja. André Marius Le Prince ist davon überzeugt. Der Mann arbeitet als Wirtschaftsprüfer und Steuerberater in Hamburg, ist aber eben auch Vorstandsmitglied von Oikocredit Norddeutschland, Gründer und Beiratsvorsitzender von Just Capital – Global Social Business Development GmbH - und Mitgründer der Kopeme Bank in Togo. Die hat ein abgestimmtes System von Schulung, Unterstützung und gegenseitiger Selbsthilfe, heißt es. Die Kopeme Bank arbeitet auf dem Land und gehört den Armen. Bankmitarbeiter fahren in die Dörfer und nehmen an wöchentlichen Treffen teil. Unregelmäßigkeiten fielen so sofort auf, Hausbesuche ermöglichen, zu schauen, wie und wofür die finanziellen Mittel verwendet worden seien.


Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen

Was ihn am Gedanken des Social Business fasziniert? "Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen - Das ist meine Vision", sagt Le Prince. Seit seinem 16. Lebensjahr stelle er sich die Frage, warum es in unserer Welt einerseits viele Millionen von Arbeitslosen, viele brachliegende oder schlecht genutzte - auch landwirtschaftliche - Produktionskapazitäten gebe und andererseits viele Millionen hungernde und arme Menschen. "Aufgabe der Wirtschaft ist es, mit den vorhandenen Mitteln optimal die Menschen zu versorgen. Dies funktioniert derzeit offenbar nur suboptimal. Social Business ist eine, wenn nicht sogar die Möglichkeit, wie jeder, insbesondere aber ein Unternehmer, sofort dazu beitragen kann, soziale und ökologische Herausforderungen dieser Welt mit seinen Möglichkeiten effizient zu lösen", sagt Le Prince.

Auch die Macher der Pegasus GmbH für soziale und gesundheitliche Innovation in Berlin beschreiben ihr unternehmerisches Handeln als Social Business. Friedrich Kiesinger bietet mit seinem Geschäftsmodell unter anderem handwerkliche und serviceorientierte Dienstleistungen, zum Beispiel Maler und Ausbaugewerke, Wohnraumanpassungen, Dienstleistungen rund ums Alter, Facility Management, Gastronomie sowie IT- Systemleistungen. Seit 1999 konnte die Pegasus GmbH nach eigenen Angaben mehr als 100 Arbeitsplätze aufbauen. Kiesinger und sein Team haben verschiedene Arbeitsplätze auch für physisch und psychisch beeinträchtigte Menschen geschaffen - und zwar auf dem ersten Arbeitsmarkt.


Vision Award - 'ausgezeichnete' Zukunftsgestaltung

Die Eigentümer verzichten darauf, spekulative Gewinne zu erzielen. Gewinne werden in die Pegasus GmbH reinvestiert. Social Business bedeutet für das Berliner Unternehmen, dass der Zweck des wirtschaftlichen Handelns mit der Lösung wichtiger sozialer Probleme verbunden ist.

Das Konzept scheint auch andere zu überzeugen. Im Herbst 2009 gab in Berlin das Genisis Institut die Preisträger des Vision Award bekannt. Preisträger war unter anderem der Berliner Sozialunternehmer Friedrich Kiesinger - für Pegasus. Seit 2007 wird der Vision Award an Visionäre einer globalverantwortlichen Zukunftsgestaltung verliehen, die ihre Visionen als Pioniere bereits erfolgreich umgesetzt haben. Die Preisträger des Jahres 2009 sind Pioniere des Social Business, "einem Konzept, bei dem brennende gesellschaftliche Probleme durch eine neue Art von unternehmerischem Handeln gelöst werden", teilt der Veranstalter mit.

Foto: Christian Vitocco
"Soziales und Ökonomie sind nicht länger Gegensätze, sie ergänzen und verstärken einander. Zahlreiche Beispiele weltweit zeigen bereits heute, dass diese Vision längst Realität ist. Genau dieses Potenzial fasziniert mich", sagt Christian Vitocco. Seit zehn Jahren arbeitet er als Trainer und Berater bei, wie er sagt, "namhaften Top-100 Unternehmen" und coacht regelmäßig Fach- und Führungskräfte sowie Privatpersonen. Vitocco plant zurzeit die Gründung einer Social Business Academy für die Generation 50plus, eine Aus- und Weiterbildung zum "Social Business Unternehmer/Manager". "Kurzfristig starte ich mit Impulsvorträgen im Raum Köln/Düsseldorf mit dem Thema 'Potenziale aktivieren mit Social Business'", sagt er.

Was aber steckt hinter dem Gedanken des Social Business? Das zu beantworten heißt, zu definieren. Experten schreiben, Grameen Social Business sei von seinem Initiator Muhammad Yunus so definiert: "Der Unternehmenszweck ist allein die Lösung von gesellschaftlichen Problemen – nicht die Gewinnmaximierung. Sozialunternehmen, also Social Businesses, arbeiten dennoch wirtschaftlich nachhaltig. Doch die erwirtschafteten Gewinne werden nicht als Dividende an die Kapitalgeber ausgeschüttet, sondern reinvestiert. Die Mitarbeiter erhalten angemessene marktgerechte Gehälter. Sozialunternehmen handeln ökologisch nachhaltig."


Neue Zeitschrit für ethisches Wirtschaften

Foto: Wirtschaftsmagazin "enorm"
Eine Geisteshaltung, die auch die kreativen Köpfe hinter dem Magazin "enorm" haben müssen. Schließlich bringen sie Mitte März die erste Ausgabe eines, wie sie sagen, "neuen unabhängigen Wirtschaftsmagazins" auf den Markt, "das im Kern den Gedanken von Social Business in all seinen Facetten trägt". In der kürzlich erschienenen Promotionausgabe steht: "Die Macher glauben an diese neue Form des Wirtschaftens zum Wohle von Mensch und Natur und wollen sie aktiv mitgestalten." Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen Macher, Projekte und Unternehmen, die sich Social-Business-Modellen, ethischem Wirtschaften und Corporate Social Responsibility verpflichtet fühlen.

So geht es im Inhaltsverzeichnis der enorm-Promotionausgabe auch um Themen wie Eltern AGs für bedürftige Eltern, Unternehmen, die Kunst und Hilfe kombinieren, um ethische Banken – und natürlich um den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus und seine Gedanken zum Wandel der Wirtschaft durch Social Business.


Rechtsform als Stolperstein

Experten sehen weiteres Potenzial für Social Business-Vorhaben, etwa rund um soziale Aufgaben wie Kinderbetreuung, Gesundheitsarbeit, Altenpflege, Musikerziehung, künstlerische Bildung oder sanftes Reisen. "Allerdings sind die Grenzen für ein innovatives Social Business zum Beispiel in Deutschland durch das Gemeinnützigkeitsrecht und das entsprechende Steuerrecht gezogen", sagte kürzlich Professor Franz-Theo Gottwald in einem Interview in dem Nachhaltigkeitsjournal "Glocalist Review". Er ist Vorstand der Schweisfurth Stiftung in München, die sich unter anderem mit Projekten, Veranstaltungen, Vorträgen und Publikationen für Nachhaltigkeit engagiert.

Scheinbar macht es das Steuerrecht tatsächlich schwierig, ein hybrides oder Social Business-Modell auf eine attraktive rechtliche Grundlage zu stellen. Heute besteht noch eine duale Vorgehensweise, vielleicht ein Weg aus diesem Dilemma. So gründen sozial Motivierte neben einem gesunden Wirtschaftsunternehmen gleichzeitig eine gemeinnützige Stiftung. Und diese speist mögliche Social Businesses. "Das ist im Sinne des Gründers zu wenig und kann nur ein Übergang sein. Rechtliche Grundlagen nur für Social Business fehlen noch", kritisiert Unternehmensberater Vitocco. Für Steuerberater und Wirtschaftsprüfer eigne sich auch ein Stiftungsengagement. "Dort können sie den Gedanken des Social Business aktiv hereintragen und ihn letztlich leben", motiviert Le Prince seine Berufskollegen. "Wer ein Social Business ernsthaft betreibt, ändert durch sein und in seinem Social Business seine Geisteshaltung. Das gilt für Steuerberater ebenso wie für jeden anderen."


Hinweise zum Autor

Daniel GrosseSeit 2006 ist Daniel Grosse als freier Journalist, Redakteur, Autor und Ghostwriter für verschiedene Print- und Online-Medien tätig. Seine Themen: Arbeit, Beruf, Wirtschaft, Recht, Alter, Bauen und Wohnen. Der Jurist ist Mitautor des Fachbuchs "Das Schreibbuch - das Handbuch für alle, die professionell schreiben". Daniel Grosse lebt und arbeitet in Marburg. Er volontierte bei der Regionalzeitung Hessische/Niedersächsische Allgemeine HNA.



(STB Web)
 

30.07.2010

 
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