Rhetorik und Charisma - Teil 2: Rhetorik ist erlernbar
Artikel vom: 01.04.2003
von Stéphane Etrillard, Managementtrainer und Businesscoach
Kein Zeitalter, das nicht ausgezeichnete Rhetoriker sein eigen nennen konnte. Die besondere Bedeutung, die der Rhetorik, der Redekunst zukommt, zeigt sich besonders vor dem historischen Hintergrund. Bekannte Redner werden immer wieder zitiert und bedeutende Reden können als Beispiele in vielen Rhetorik-Schriften und -Büchern immer wieder nachgelesen werden.
Viele Menschen blicken ehrfurchtsvoll zu den großen Rednern auf, bewundern deren Charisma, deren Schlagfertigkeit, deren gekonnten Umgang mit der Sprache. Und übersehen dabei, dass auch sie selbst reden lernen können. Als Redner wird man nicht geboren. Es gibt kein Gen, das den einen Menschen befähigt, auf der Bühne Außerordentliches zu vollbringen.
Ganz im Gegenteil - bei der Redekunst ist es wie bei jeder anderen Kunst auch. Ein klein wenig Inspiration und dann ganz viel Transpiration - also Fleiß, Übung und immer wieder Training, in dem man sein Können ("Kunst kommt von Können und nicht von Wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen") verfeinert und ausbaut.
In 6 Schritten zum Redner
Schon die alten Römer hatten erkannt: "Poeta nascitur, orator fit", was übersetzt soviel heißt wie: ein Dichter wird geboren, ein Redner wird gemacht. Der Weg zu einer freien und überzeugenden Rede steht also jedem Menschen frei. Der eigene Wille, das persönliche Streben und die ernsthafte Absicht, auch wirklich an sich zu arbeiten, sind dabei vorausgesetzt. Sicher helfen Ihnen nachfolgende Schritte auf Ihrem Weg zum Redner enorm:
1. Ablesen, frei wiedergeben und eigene IdeenBeginnen Sie am besten damit, dass Sie einen kurzen, sachlichen Text einfach einmal flüssig vorlesen. Dann geben Sie den Inhalt mit eigenen Worten wieder und schließlich erweitern Sie den Inhalt durch eigene Überlegungen und Wertungen. Dies alles geschieht vor einem imaginären Publikum.
Hilfreich ist allerdings, wenn Sie sich selbst einmal aufnehmen (Ton und/oder Bild), damit Sie einmal sehen, wie Sie nach außen wirken. Vorsicht ist jedoch geboten: Gehen Sie nicht zu streng mit sich ins Gericht. Wenn Sie sich zum ersten Mal sehen oder hören, wird das vielleicht eine sehr ungewohnte Situation für Sie sein.
2. Die erste eigene RedeNehmen Sie ein aktuelles Ereignis und sprechen Sie drei Minuten über dieses Thema. Damit gewöhnen Sie sich schon einmal an gewisse Zeiteinheiten - manchem werden diese drei Minuten wie eine Ewigkeit vorkommen, ein anderer wird gar nicht alles sagen können, was er will. Das Mittelmaß ist die Kunst der Rhetorik - zumindest, was die Länge Ihrer Ausführungen anbelangt. Zu lange Reden ermüden Ihre späteren Zuhörer nur und wenn Sie durch die Rede hetzen und nicht alle wichtigen Aspekte ansprechen, ist es auch keine gelungene Ansprache.
3. Sprechen Sie Ihre Meinung ausGewöhnen Sie sich daran, laut und deutlich Ihre Meinung zu äußern. Treten Sie aus der Masse, ergreifen Sie sich zuerst ein Herz und dann das Wort. In Besprechungen, Meetings oder auch nur im Freundeskreis - sprechen Sie Ihre Meinung aus und nutzen Sie jede Gelegenheit, um Ihre rhetorischen Fähigkeiten zu trainieren. Wer, wenn nicht Ihre Freunde oder Mitarbeiter, hören Ihnen aufmerksam zu? Später kann es sein, dass Sie auch einmal auf ein weniger wohlwollendes Publikum treffen. Dann sind Sie bestens geschult und können auch damit souverän umgehen.
4. SelbststudiumLesen Sie alles über Rhetorik, besuchen Sie Seminare oder nutzen Sie die Vielfalt der Hörbücher. Und, wenn Sie das nächste Mal im Stau stehen, hören Sie statt die Nachrichten etwas zum Thema "Rhetorik - Wie Sie Menschen durch Ihre Redekunst begeistern können." Ihr Unterbewusstsein wird alles aufnehmen und Sie in diesem Bereich einen gewaltigen Schritt nach vorne bringen.
5. Die Zuhörer warten schon auf SieDiskutieren Sie gerne und oft - und wenn es auch nur darum geht, wo Sie Ihren nächsten Urlaub verbringen. Oder auch, wer im Unternehmen welche Projekte betreut, welche Aufgabenteilung sinnvoll ist. Diskussionen sind nun einmal die wichtigsten Schulungsmöglichkeiten für den Redner. Denn auch auf der Bühne kann der Redner nicht immer stur nach Konzept vorgehen.
Eine gewisse Spontaneität, die aus dem Wissen heraus möglich ist, dass man eine gute Grundlage der rhetorischen Mittel besitzt, machen eine Rede erst lebendig und lassen den Funken zwischen Redner und Zuhörern überspringen. Treffen Sie möglichst bald den Entschluss, eine kleine freie Rede zu einem bestimmten Anlass zu halten. Ob Hochzeit oder Betriebsversammlung - nur durch das wirkliche Tun können Sie ein sogenanntes Feintuning betreiben und Ihre Fähigkeiten als Redner trainieren.
6. Die Persönlichkeit des charismatischen RednersIn allen Dingen, die die Welt bewegen, sind Persönlichkeiten gefragt. Menschen mit Charisma. Menschen, die andere Menschen zu etwas bewegen, von etwas begeistern, zu etwas führen können.
Viele Menschen verstehen unter Charisma nur Überzeugungskraft. Und viele bringen Charisma mit Rhetorik in Verbindung. Eine gute Rede, das ist das, womit jemand auf sich aufmerksam macht. Und in vielen Situationen, im beruflichen wie auch privaten Umfeld wird jemand gesucht, der bereit ist, aus der Masse nach vorne zu treten, um dort etwas zu sagen. Stellen Sie sich vor, zukünftig sind Sie derjenige, der aufsteht, nach vorne geht und eine Rede hält, die andere nur so staunen lässt. Sie werden bewundert für Ihren Mut und Ihre glaubhafte Ansprache. Aber das kann ich doch alles gar nicht lernen! Glauben Sie wirklich?
Glauben Sie mir, es ist noch kein Redner vom Himmel gefallen. Viele erfolgreiche Referenten mussten trainieren und viele Reden halten, um so gut zu werden, wie sie heute sind. Zwei Dinge sollten Ihnen allerdings bewusst sein. Erstens: Ein guter Redner wird man nicht von heute auf morgen und zweitens: Um ein guter Redner zu werden, muss man jede Gelegenheit nutzen, um zu trainieren und jede Rede sehr intensiv vorbereiten. Auch, wenn dies am Anfang sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.
Hinweise zum Autor
Stéphane
Etrillard zählt zu den Top-Wirtschaftstrainern und Coaches. Er gilt als
führender europäischer Experte zum Thema "persönliche Souveränität".
Als Coach und Autor genießt er bei Entscheidern und Führungskräften
einen hervorragenden Ruf. Mit seinen offenen Seminaren im Bereich
Rhetorik und Dialektik sowie Selbst-PR verhilft er seinen Teilnehmern
zu mehr Souveränität in allen Lebenslagen. In dem Online-Magazin "STB
Web" hat Stéphane Etrillard in den letzten Jahren zahlreiche
Fachartikel zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung und
Selbstmarketing speziell für SteuerberaterInnen veröffentlicht.
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