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Schluss mit dem Unsinn! - Von Gleichstellung, Gender Mainstreaming und anderen Exoten

Artikel vom: 23.04.2008

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Von Martina Maierhofer


Kinospot des Bayerischen Sozialministeriums
Im Kamerafokus erscheint ein mondänes Bürogebäude. Ein im Anzug gekleideter Geschäftsmann bewegt sich mit Aktenkoffer zügigen Schrittes darauf zu. Dann ein Schnitt: Aufsichtsratssitzung. Der Vorsitzende am Kopf des Tisches erhebt sich mit ernster Miene: "Meine Herren, die Gehälter unserer Führungskräfte müssen um ein Viertel runter. Ich bitte um Ihre Vorschläge. Kündigungen fallen allerdings aus. Und an die Arbeitszeiten kommen wir auch nicht ran." "Und die Qualifikation?" - "... muss mindestes so hoch bleiben wie sie ist!". Dann schwenkt die Kamera und nimmt den Herrn am hinteren rechten Tischende in den Fokus. Der erhebt sich, löst die Krawatte, zieht sein Hemd aus, legt sich einen BH um, streift eine rote Damenbluse und eine Perücke mit langem Haar über. Die Gesichtszüge des Vorsitzenden entspannen sich und weichen einem zufriedenen Lächeln. Quer über den Bildschirm erscheint der Schriftzug: "Frauen verdienen im selben Job bis zu 23% weniger". Schnitt: Zur Tür herein tritt eine attraktive Sekretärin, ein Tablett in den Händen und bereit, den Kaffee zu servieren ...

Der Spot "Schluss mit dem Unsinn" wurde von Christa Stewens, der bayerischen Familien- und Sozialministerin, anfang 2007 in die Kinos gebracht, um auf die stark auseinanderklaffende Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen aufmerksam zu machen. Ein medienwirksamer Gag. Dahinter steht jedoch eine ganze, nicht nur bundes-, sondern europapolitische Strategie, die längst schon in konkreten Gesetzen ihren Niederschlag gefunden hat. Bisweilen können einem jedoch Zweifel kommen, ob sich dies in Deutschland schon herumgesprochen hat.


Zwei Vätermonate? – von gestern! Moderne Gleichstellungspolitik


Das Bundesgleichstellungsgesetz (BGleiG) vom Dezember 2001 hat das Frauenfördergesetz abgelöst. Ein kurzer Klick auf die Webseiten des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gibt einen Überblick über moderne gleichstellungspolitische Ziele, die – gemessen an der Realität – den einen oder anderen überraschen mögen: Im Mittelpunkt steht die Umsetzung "gleichberechtigter Teilhabe von Männern und Frauen im Erwerbsprozess". Die in Deutschland immer noch stark verwurzelte, streng geschlechterspezifische Arbeitsteilung in Familie und im Erwerbsleben wird als "Ursache für viele Ungleichbehandlungen" ausgemacht. Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es deshalb, zur Erweiterung tradierter Rollenmuster beizutragen und auf eine "Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und Männer" hinzuwirken. Wer hier nur an Elterngeld und Vätermonate denkt, greift viel zu kurz. Denn moderne Gleichstellungspolitik versteht sich als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe, die die geschlechtersensible Perspektive in alle Lebens- und Arbeitsbereiche integriert. Dieser Ansatz geht konform mit dem sogenannten "Gender Mainstreaming"


Männer, die zuhören und Frauen, die einparken können


Gender Mainstreaming ist ein Konzept, das bereits 1994 auf der Ebene des Europarates als Reaktion auf die geringe Breitenwirkung der EU-Frauenförderprogramme aufgegriffen wurde. Am 1. Mai 1999 verpflichteten sich alle EU-Länder im Rahmen des Amsterdamer Vertrages, das GM-Prinzip in ihrer Politik anzuwenden und in Projekten zu konkretisieren. "Gender Mainstreaming" ist ein Anglizismus, den so mancher schon gerne durch ein passendes deutsches Wort ersetzt hätte. Jeder Übersetzungsversuch muss jedoch hinter dem Original zurückbleiben, weil das Englische den Begriff "Geschlecht" stärker differenziert.

Im Gegensatz zu "sex", dem biologischen Geschlecht, ist mit "gender" das soziale Geschlecht gemeint, die gesellschaftlichen Geschlechterrollen, also sämtliche Vorstellungen und Erwartungen, wie Frauen und Männer sind oder sein sollen. Ein Beispiel: Die Tatsache, dass nur Frauen stillen können, ist zweifellos ihrem biologischen Geschlecht geschuldet. Dass aber vor allem Frauen die Hausarbeit machen und Kleinkinder erziehen, hat ausschließlich mit dem sozialen Geschlecht zu tun. Will man moderne Gleichstellungspolitik betreiben, so ist ein kritisches Hinterfragen dieser tradierten Rollenstereotypen und der damit verbundenen Geschlechterhierarchien unerlässlich.


McKinsey: Führungsaufgabe "Gender Mainstreaming"


Der Begriff "mainstream" (Hauptstrom, Selbstverständlichkeit) zeigt, dass Gleichstellung kein Neben- oder Sonderthema mehr ist, wie die alte Frauenförderpolitik, die sich noch mit punktuellen Nachbesserungen und vereinzelten Quotenlösungen zufrieden gab, sondern zu einem Hauptthema avanciert. In Institutionen der öffentlichen Hand wie auch in der Privatwirtschaft sollte es also zur Selbstverständlichkeit werden, bei jedem Arbeits- und Organisationsschritt die geschlechtersensible Sichtweise zu integrieren und sich gewisse Kernfragen zu stellen, wie etwa: Sind Kriterien und Prozesse der Personalplanung, der Potenzial- und Leistungsbewertung, der Qualifizierung sowie des Arbeitsumfelds so gestaltet, dass sie nicht diskriminieren, also weder Frauen noch Männer geschlechtsbezogen bevorzugen oder benachteiligen? Fördert die Arbeitsorganisation die Vereinbarkeit von Beruf und familiären Aufgaben? Werden Geschlechteraspekte in der Ausschreibung oder Personalauswahl berücksichtigt?

Ganz entscheidend aber ist: Die Order muss von oben kommen. Wenn die Führungsspitze gleichstellungspolitische Ziele nicht aktiv unterstützt und aggressiv einfordert, wird sich – so die Unternehmensberatung McKinsey – nichts ändern. Gender Mainstreaming ist also zunächst eine Führungsaufgabe, die in einem Top-down-Prozess durchgesetzt wird. Sie liegt aber auch in der Verantwortung derjenigen, die sie auf den Zwischenstufen umsetzen müssen. Eine kompetente Fortbildung von Führungskräften, Beschäftigten und Gleichstellungsbeauftragten ist daher unerlässlich.


... und was geht mich das an?

Gleichstellung sollte keineswegs nur ein Anliegen von Frauen und Männern im Blick auf die Umsetzung ihrer individuellen Lebensentwürfe sein. Vielmehr hat sie – wie McKinsey in der noch jungen Studie "Women Matter" über weibliche Führungskräfte gezeigt hat – ganz konkrete Auswirkungen auf die Erfolgsbilanzen von Unternehmen. Denn gemischte Führungsgremien sind sowohl wirtschaftlich als auch von der Unternehmenskultur her erfolgreicher. Bei ihrer Analyse der 500 größten börsennotierten Firmen der USA kam die amerikanische Frauenorganisation Catalyst zu den gleichen Ergebnissen. Beide Studien weisen nach, dass Firmen mit besonders hohem Frauenanteil im Vorstand eine bis zu 53% höhere Eigenkapitalrendite erwirtschaften konnten als solche ohne Frauen in der Führung (ein schönes Beispiel hierfür ist Microsoft Deutschland, Der Spiegel 5/2008). Die Unternehmenserträge steigen bereits dann nachweislich, wenn sich mindestens drei Frauen im Vorstand befinden. Drei müssten es jedoch mindestens sein, um sich vor dem Hintergrund der traditionellen Machtstrukturen Geltung zu verschaffen. Die klassische Einzelkämpferin kann ebensowenig wie die Alibifrau etwas verändern.




Linktipps


Wichtige Informationen rund ums Gender Mainstreaming bieten folgende Links:

- das Genderkompetenzzentrum der Humbold-Universität Berlin
- die Gender-Mainstreaming-Seiten der Bundesregierung



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09.02.2012

 
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