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Teilzeit ist nur für Muttis da, nicht für Steuerberater

Artikel vom: 23.04.2008

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Von Alexandra Buba


Derzeit läuft ein symbolträchtiger Prozess vor dem Arbeitsgericht in Düsseldorf: Ein bei Ernst & Young angestellter Steuerberater klagt seinen Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung ein; unzumutbar für die Mandanten sei das, argumentiert die Großkanzlei. Das wirft die Frage auf, wie akzeptiert in Teilzeit tätige Berater, Führungskräfte und Angestellte in der Wirtschaft tatsächlich sind.

"Ja, ich will." Männer und Frauen sind sich in diesem Satz einig; sie wollen genug Zeit für den Beruf, aber auch ausreichend Muße für die Familie, sich in der Partnerschaft alles teilen und in Lebenswelten leben, die sich ähneln und nicht ausschließen. Und dafür kämpfen sie auch, nicht nur gegen überkommene Vorstellungen anderer, sondern nötigenfalls auch vor Gericht. So wie derzeit ein bei der Big-Four-WP-Gesellschaft Ernst & Young angestellter Steuerberater. Vor dem Arbeitsgericht Düsseldorf versucht der 42-Jährige, seinen Anspruch auf Teilzeit durchzusetzen. Sein Töchterchen ist zwar inzwischen schon wieder aus dem Gröbsten raus, aber es geht immerhin noch um einen Batzen Schadensersatz.

Der Prozess ist auf seine Art ein Einzelfall. Denn normalerweise steht die Frage nach einer Teilung von Berufs- und Familienarbeit nicht mehr ernsthaft im Raum, wenn es um die interne Organisation der Lebensaufgaben nach der Familiengründung geht. Einer (meistens die Frau) bleibt zuhause beim Kind, der andere geht arbeiten. So wie es schon immer war, ist es in der Realität auch immer noch. Daran ändern wenige bezahlte Vätermonate genauso wenig wie die aufrichtigen Vorsätze der Paare, solange sie noch kinderlos sind.



Zwänge: 100 Prozent Präsenz für die Karriere

Warum aber gibt es so wenige Eltern, die sich Erwerbs- und Familienarbeit hälftig teilen? Weil sich mit zunehmender Berufs- und Lebenserfahrung bei den meisten Männern und Frauen die unbezwingbare Überzeugung durchsetzt, dass beruflicher Erfolg sich nur bei ungeteilter Aufmerksamkeit auf den Job einstellt. Nur wer klare Prioritäten setzt, gewinnt am Ende gegen die Konkurrenten. Dazu ist es freilich erforderlich, dass der andere Partner, in der Regel die Frau, einem den Rücken frei hält und kein Problem damit hat, dass man so lange im Büro bleibt, wie tatsächlich oder vermeintlich nötig.

Denn Präsenz ist im Wirtschaftsleben beinahe genauso wichtig wie Verbündete und in jedem Fall bedeutsamer als Leistung. So argumentiert in Sachen "Steuerberater ./. Ernst & Young" der Arbeitgeber nicht zufällig, dass man es Mandanten nicht zumuten könne, mit dem Ergebnis einer Unternehmensbewertung zu warten, bis der in Teilzeit bewertende Steuerberater nach all der Familienarbeit endlich damit fertig sei. Unterstellt wird dabei, dass ein Teilzeitmitarbeiter künftig in kürzerer Zeit seinen Vollzeitjob erledigen wird - nur eben nicht gut und schnell genug. Dass zum Ausgleich der nunmehr fehlenden Arbeitsstunden der Einsatz einer anderen Kraft bis zur vollen Leistung aufsummiert werden könnte, ist eine Rechenprozedur, die man im M&A-Geschäft offensichtlich nicht anwendet.

Stattdessen erfordert die unentbehrliche Schlüsselaufgabe den ungeteilten zeitlichen Einsatz eines einzigen Mitarbeiters - das hat dann auch seinen Preis, der sich auf Honorarnote und Gehaltsabrechnung niederschlägt. Letztere wird wohlwollend auch von der Ehefrau wahrgenommen, die fortan viel Verständnis - und Familienzeit - dafür aufbringt, dass mann die nächste Hürde im Karrierewettlauf nimmt. Es sind finanzielle und statusbezogene Vorteile die dauerhaft ein System erhalten, in dem ein Elternteil für das Geld sorgt, während der andere den Rest zuhause erledigt. Und weil die Frauen ohnehin die Kinder bekommen, bleiben sie praktischerweise im Anschluss gleich weiter zuhause.



Argumente: Steuern und Sozialversicherung

Dabei nützt die Teilzeit der Wirtschaft eigentlich. So belegen Studien immer wieder, dass Teilzeitkräfte motivierter und produktiver sind. Am Ende bekommt der Arbeitgeber also für dasselbe Geld mehr Leistung, wenn er Teilzeitkräfte beschäftigt. Warum die Firmen dies dann nicht begeistert in großem Maßstab tun, lässt sich nur mit irrationalen Motiven erklären.

Es ist das ungute Gefühl vieler Chefs, dass ein Teilzeitmitarbeiter der Firma nicht ganz gehört, dass sich in seinem Kopf auch im Büro oft ganz andere Dinge abspielen, dass er sich nur halb so gut auf seine Arbeit konzentriert wie sein Vollzeitkollege. Dieses Konglomerat unreflektierter Ängste und Besitzbedürfnisse macht sich bei Vorgesetzten und Arbeitgebern breit, während Kollegen fürchten, Arbeit für den Teilzeitkollegen mit erledigen zu müssen. Er selbst hat schließlich permanent Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Damit wird der Aufstieg aus Teilzeitbeschäftigung fast unmöglich, die Karriere stagniert und das Gehalt steigt nicht mehr.

Doch nicht nur bezogen auf das Bruttoentgelt, sondern auch steuerlich und sozialversicherungsrechtlich zahlen Teilzeitarbeitnehmer drauf. Denn es sind allein die Praktizierer des Ein Verdiener-/Ein Erzieher-Modells, die von Ehegattensplitting und Familienversicherung bei den Sozialversicherungen profitieren. Verdienen beide, nivelliert sich der finanzielle Vorteil steuerlich in direkter Abhängigkeit von der Annäherung der beiden Einkommenshöhen. Bei gleicher Einkommenshöhe schließlich gewinnt ein Paar aus dem Ehegattensplitting 0,0 Euro. Das hat jüngst sogar die OECD zu Kritik veranlasst.

Bei den Sozialversicherungen gibt es Mindestbeiträge, unabhängig davon, ob jemand in Teilzeit oder Vollzeit tätig ist. Und in der gesetzlichen Krankenversicherung werden Kinder nur bei dem Elternteil beitragsfrei mitversichert, der mehr verdient, nachweislich. Ist der andere Partner dann privat versichert, fallen die Kinder aus der gesetzlichen Krankenversicherung vollends heraus und müssen gegen hohe Kosten privat versichert werden.



Wünsche: Work-Life-Balance und Abstraktionsvermögen

Diese Zusammenhänge sind eigentlich nicht neu, und im Grunde wollen die meisten Familien schon lange eine andere Aufteilung der Aufgaben als diejenige, die Tradition und Steuersystem favorisieren. Warum können wir dann trotzdem nicht anders? Tief im Innersten glauben wir als Kollegen, Vorgesetzte oder Betroffene, dass alles Halbe nichts Ganzes ist und betrachten es deshalb minderwertig. Wir nehmen zu selten eine Perspektive ein, in der wir erkennen, dass erst zwei unterschiedliche Hälften eines Alltags die viel gesuchte Work-Life-Balance herstellen.

Firma und Familie kennen uns jeweils nur in einer unserer Rollen. Wir selbst bewegen uns aus Pflichtschuldigkeit und Pragmatismus gedanklich auch stets nur in einer Hälfte. Wer nach der Ernsthaftigkeit von Teilzeitarbeit und ihrer Aussichten in der Zukunft unseres Wirtschaftslebens fragt, der stellt fest, dass wir in Wahrheit gefangen sind in der Beschränkung unseres Abstraktionsvermögens. Zuende gedacht bedeutet dies nichts anderes, als dass wir die Verhältnisse so schnell nicht ändern werden - auch wenn sie uns nach eigenem Bekunden nur wenig gefallen und immer seltener glücklich machen.


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09.02.2012

 
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