Sieben Tage in der Kunstwelt

Rezension von Martina Maierhofer
Zeitgenössische Kunst hat mit Experiment und mit Ideen zu tun, aber auch mit Prominenz und Exklusivität, meint Sarah Thornton, Verfasserin der Studie "Sieben Tage in der Kunstwelt". Sie benennt damit zugleich das Wesen dieser besonderen Form von "branding", dessen sich nicht wenige Arztpraxen, Kanzleien und Gourmet-Restaurants seit Jahren bedienen: Indem sie ihre Räumlichkeiten zeitgenössischen Künstlern als Ausstellungsfläche zur Verfügung stellen, schaffen sie eben solch eine Atmosphäre der Prominenz und Exklusivität - verbunden mit der besonderen intellektuellen Aura, die solch ein Mäzenatentum mit sich bringt. Doch wie entsteht überhaupt Kunst, wer macht sie dazu und warum werden so wahnsinnige Preise für sie erzielt? Die britische Kunsthistorikerin und Soziologin, die für internationale Kunstmagazine wie
Artforum.com und
The Art Newspaper schreibt, eröffnet in ihrem Buch tiefe Einblicke in die faszinierende wie auch widersprüchliche Welt der Gegenwartskunst. Sie hat mit über 250 Insidern, Künstlern, Galeristen, Kritikern, Kuratoren und Sammlern gesprochen und portraitiert den zeitgenössischen Kunstbetrieb in seinem großen Facettenreichtum um Kreativität, Geschmack und Macht sowie Status, Geld und Intrigen. Wenn Sie ein Faible für moderne Kunst haben, häufiger Galeriebesucher oder vielleicht sogar selbst schon der Sammelleidenschaft verfallen sind, dann sei Ihnen dieses spannende Buch ans Herz gelegt. Möglicherweise erscheint Ihnen im Laufe der Lektüre die Kunstwelt sogar vertrauter als Ihnen lieb ist.
Das Herz schlägt schneller, der Adrenalinspiegel steigt
In Thorntons Kapiteln über Auktion, Messe und Biennale - die Orte also, an denen sich Künstler selbst kaum je blicken lassen - wird klar, was den Sammler oder die Sammlerin moderner Kunst nicht selten ausmacht: sie haben Teil an einer Art Gesellschaftsspiel, das ein Gutteil seines Genusses aus der Befriedigung archaischer Jagdinstinkte ebenso wie aus dem Zeremoniell öffentlicher Selbstinszenierung bezieht: Leute, die bei Auktionen kaufen, sagen, das sei etwas Unvergleichliches: "Das Herz schlägt schneller. Der Adrenalinspiegel steigt. Selbst der gelassenste Käufer bekommt Schweißausbrüche. Wer im Saal mitbietet, ist Teil der Show, und wer kauft, erlebt einen öffentlichen Triumph". Worum es hier geht, ist die Teilhabe an einem exklusiven Kreis und dessen "Lifestyle".
So verwundert es nicht, dass Künstlerinnen und Künstler selbst oft eher desillusioniert sind vom kommerziellen Charakter solcher Veranstaltungen: Die Preise, die heute für ein Kunstwerk erzielt werden, orientieren sich an handfesten kommerziellen Kriterien. Rot oder blau verkaufen sich besser als braun (Stichwort: Glücksgefühl); ein weiblicher Akt findet besseren Absatz als ein männlicher (Stichwort: Sex); Gemälde rangieren deutlich vor Kunstwerken in anderen Medien (Stichwort: Handlichkeit); und unter den Gemälden selbst wiederum bleibt "alles, was die Standardgröße eines Aufzugs in der Park-Avenue überschreitet [...] von einem gewissen Marktsegment ausgeschlossen". Amy Capellazo, einer Mitarbeiterin des New Yorker Auktionshauses Christie's zufolge ist das Verhältnis zwischen dem ästhetischen und dem kommerziellen Wert eines Kunstwerks inetwa vergleichbar mit dem Verhältnis, in dem gutes Aussehen zum Glück steht, das man im Leben hat.
Die Kunst der Provokation
Welche Konsequenzen hat dies in der Praxis? Es gibt "etliche großartige Künstler", die keinen starken Markt haben. Will man als zeitgenössischer Künstler zu Lebzeiten erfolgreich sein, und nicht die Zeit und die Nachwelt über die Qualität seines Werkes entscheiden lassen, so muss man sich auf dieses Spiel einlassen. Hier reicht das bloße Genie nicht aus. Erfolgsorientierte Künstler müssen notwendig auch Unternehmer sein. Diese Qualität hat in der jüngeren Vergangenheit wohl kaum jemand besser unter Beweis gestellt als der britische Künstler Damien Hirst, der mit seinen naturkundlichen Präparaten von Tieren bzw. Tierteilen in Formaldehyd auf sich aufmerksam machte und für den Verkauf des gesamten Inventars seiner Installation Pharmacy zwanzig Millionen Dollar erzielte.
Was man hier also offensichtlich beherrschen muss, ist die Kunst der Provokation, aber auch das messerscharfe wirtschaftliche Kalkül, soll doch ebendieser Hirst, um seinen Marktwert hoch zu halten, höchst persönlich der anonymen Bietergemeinschaft angehört haben, die im Juni 2007 für seine Skulptur
For the love of God 75 Millionen Euro aufgebracht und daraus das teuerste Kunstwerk aller Zeiten gemacht hat. Worum es sich handelt? Um einen mit 8.601 Diamanten besetzten Platinabguss eines echten Totenschädels. Man ist versucht, hier dem Kunstberater Recht zu geben, der sich im Interview mit der Autorin so ausdrückt: "Die Auktion ist nur ein Symptom für etwas sehr viel Komplexeres, eine Art Hautausschlag. Sie ist vulgär in der Weise, wie Pornographie vulgär ist".
Ringen um Selbstfindung und Selbstmitteilung
Allerdings könnte man das Buch getrost zuklappen und sich - einigermaßen desillusioniert - anderen Dingen zuwenden, wenn der Erkenntniswert der Lektüre allein auf diesen Aspekt beschränkt bliebe. Nein, Sarah Thornton ist ganz Journalistin. Ebenso wie ihre Interviewpartnerin von ChristieâEuro™s, die sich nicht für den Markt entschuldigt, (ver-)urteilt auch Thornton nicht.
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Buchautorin Sarah Thornton |
Sie beobachtet und beschreibt, lässt ihre Gesprächspartner zu Wort kommen und wird so der in sich hochgradig widersprüchlichen Kunstwelt vielleicht am besten gerecht. Denn Kunst wird bei Thornton auch und ganz besonders als Leidenschaft fassbar, als ein intensives Ringen um Selbstfindung und Selbstmitteilung, die sich dem Bestreben nach kommerzieller Veräußerung gegenüber häufig als sperrig erweist.
Zum Ausdruck kam dies beispielsweise im Werk des US-amerikanischen Konzeptkünstlers Michael Asher, als er die Wand einer Galerie, die die Büros hinter den Ausstellungsräumen trennte, entfernte, um so die Aufmerksamkeit auf die geschäftliche, kommerzielle Seite hinter der "preislosen" Kunst zu lenken.
Eine eigentümliche Paradoxie wird in Thorntos Buch immer wieder thematisch: Da ist einerseits der Wunsch, berühmt zu werden und erfolgreich zu sein, andererseits die Angst vor dem notwendig damit verbundenen Selbstverlust, vor der Selbstveräußerung an die Medien und die Dynamik des Kunstmarktes. So ist es gerade der Casting-Show-artige Druck der Preisvergabe, der der deutschen Malerin Tomma Abts eine Ablehnung ihrer Nominierung für den Turner-Preis in Erwägung ziehen ließ: "Ich wollte eine Künstlerin bleiben und nicht plötzlich jemand anders werden. [...] So etwas wie ein Medienmensch."
Der Gegenwart den Spiegel vorhalten
Man sollte es mit Befriedigung, vielleicht sogar Genugtuung aufnehmen, dass unter den drei Nominierten der Preis dann gerade ihr zugesprochen wurde, die unserer Zeit "so beharrlich Widerstand" entgegensetzt wie "nur wenige Künstler".
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Museum of Modern Art mit Blick auf Manhattan (IStock.com / Nikada) |
Und diese Tendenz findet ihren Widerhall nicht zuletzt auch in der Bereitschaft so mancher Sammler, sich für viel Geld ein Kunstwerk anzueignen, das der Gegenwart einen Spiegel vorhält, vielleicht sogar das eigene Sein hinterfragt. Kunst dringt hier als sinnstiftendes Moment offensichtlich in Bereiche vor, die lange Zeit der Religion vorbehalten waren: "'Warum sammeln Sie?', frage ich. 'Ich bin Atheistin, aber ich glaube an die Kunst. Ich besuche Galerien, wie meine Mutter in die Kirche ging. Das hilft mir, mich im Leben zurechtzufinden'", meint eine Messebesucherin.
Unangepasst sind im gesamten Kunstbetrieb also offensichtlich nicht nur Künstler, sondern auch viele Käufer, wie etwa das passionierte Sammlerpaar Don und Mira Rubell aus Miami, mit dem die Autorin während ihres Besuchs der Art-Basel ins Gespräch kommt. Die beiden investieren ihr komplettes Vermögen in die private Sammlung, die sie im eigenen Museum in wechselnden Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich machen.
Ein ganz intimer Akt ...
Mit den Aufsteigertypen und den Spekulanten unter den Sammlern in Verbindung gebracht zu werden ist ihnen bisweilen peinlich. Wenn es nach ihnen ginge, sollte man sich die Bezeichnung Sammler erst verdienen müssen, denn Kunst sammeln ist für sie "eine Lebensaufgabe". Ihr Interesse gilt insbesondere dem sogenannten "emergent art", der Entdeckung noch frischer, unverbrauchter Künstlerinnen und Künstler, die jenseits des von Führungsfiguren der Kunstszene propagierten Mainstream nach oben kommen, also gewissermaßen "planlos und zufällig": "Bei jungen Künstlern findet man die größte Reinheit. Wenn man bei der ersten oder zweiten Ausstellung kauft, erlebt man mit, wie ein Künstler sein Selbstvertrauen, seine Identität aufbaut. Es geht darum, in das Leben eines Künstlers zu investieren und zu sehen, wohin er damit kommt. Es ist eine sehr intensive wechselseitige Beziehung".
Doch auch bei den beiden spürt man, dass sie ein prickelndes Spiel spielen. Der Kunstkauf ist für sie ein so intimer Akt, dass sie sich auf ihrem Messerundgang von der Autorin unter keinen Umständen begleiten lassen wollen: "Das ist, als würden Sie fragen, ob Sie mit in unser Schlafzimmer dürfen". Die beiden "genießen es, als erste Sammler ein Künstleratelier zu besuchen, als Erste ein Werk zu kaufen, es als Erste auszustellen". Was Ihrem Spiel die besondere Würze verleiht? Ist es letztlich nicht auch die Spekulation auf ein neues Marktpotenzial? Aber so einfach sollte man es sich dann vielleicht doch nicht machen...
Buchtitel: Sieben Tage in der Kunstwelt;
Autorin: Sarah Thornton;
Verlag: Fischer (S.), Frankfurt; Format: 320 Seiten, broschiert, ISBN: 3100780221; Preis: 18,95 EUR (ohne Gewähr)
(STB Web)
Buchtitel: Sieben Tage in der Kunstwelt; Autor(en):
Sarah Thornton;
Verlag:
Fischer (S.), Frankfurt; Format: 320 Seiten, broschiert, ISBN: 3100780221; Preis: 18,95 EUR (ohne Gewähr)
Artikel vom:
27.01.2010