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Rezension: 'Kopf schlägt Kapital' - oder: Wie Kanzleien zu Partyräumen werden

Rezension von Manuela Maurer



kopf-schlaegt-kapital-150Günter Faltin, der Autor des aktuell bei Hanser erschienenen Wirtschaftsbuches "Kopf schlägt Kapital. Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen. Von der Lust, ein Entrepreneur zu sein" ist sich sicher: Etwas ist falsch an der Art, wie wir versuchen Unternehmen zu gründen. Dabei gehe es auch ganz anders …

Mit seinem Buch will Faltin zeigen, wie jeder ganz praktisch an eigenen Ideen arbeiten kann, wie man ein Puzzle kombiniert und daraus etwas Neues schafft - das eigene Unternehmen. Je unkonventioneller man denke, um so besser. In Zeiten magerer Kreditvergabebereitschaft seitens der Banken klingt das ungemein attraktiv. - Gibt es nun doch eine Möglichkeit, diese ganzen lästigen Dinge rund um Businessplan, betriebswirtschaftliche Problemstellungen und bürokratische Hemmnisse – ja und vor allem die so schwierig gewordene Kapitalbeschaffung, zu umgehen?

Davon ist der Autor überzeugt. Wichtig ist natürlich der Spaßfaktor. Daher präsentiert er in dem Buch auch gleich die Aktion "Unternehmen zum Mitmachen". Mit wenigen Klicks können Sie sich in Faltins Online-Shop eine Art Untershop einrichten und in China hergestellte Energiesparlampen zu günstigen Preisen anbieten. Mag der Leser anfangs noch gespannt und bereit sein, sich auf Faltins Gedankenspiele einzulassen - zumal diese in viele wohlklingende, werteorientierte Ansätze und (viel zu viele) Zitate und Referenzgeschichten wichtiger Persönlichkeiten rund um den Globus eingelullt sind - stellt sich nach einem Drittel des Buches bereits Ermüdung ein.


'Business Administration' ist Bäh


Gebetsmühlenartig wiederholt Faltin wie wichtig die einem Geschäftskonzept zugrundeliegende Idee sei, ein bloßer Einfall reiche da nicht, vielmehr müsse man ein Ideenkunstwerk komponieren. Betriebswirtschaftliche Techniken stören dabei natürlich nur. Alles Lästige rund um das Tagesgeschäft und die betriebswirtschaftliche Steuerung soll man billig outsourcen. Daher weist Faltin auch entschieden auf die Notwendigkeit der Trennung von 'Entrepreneurship' und 'Business Administration' hin. Der deutsche Begriff des Unternehmertums greife da viel zu kurz. Entrepreneurship ist Herausforderung, Lust und Inszenierung. Business Administration ist Bäh und sollte billig von anderen erledigt werden. Gründer brauchen schließlich Freiraum für Ihre Visionen. Und das geht dann so:

Gerade noch sinniert der Autor über die "immanenten Chancen", die sich aus modernen Handelssystemen und Marktmechanismen ergeben, da empfiehlt er den LeserInnen auch schon völlig unvermittelt, einen Heizölkontrakt an der International Petroleum Exchange in London zu kaufen, gleichzeitig noch einen Vertrag mit einer Tankwagenspedition zu schließen und das Heizöl sodann im Freundes- und Bekannntenkreis anzupreisen. Alternativ können Sie Ihre Freunde und Bekannten auch mit einem Jahresvorrat an Zahnbürsten eindecken, die Sie über Ihren Online-Shop verkaufen. Natürlich sind Ihre Zahnbürsten viel billiger als die im Discounter, weil Sie sie selbst in einer Fabrik produzieren lassen, wo auch "namhafte Marken" die Herstellung in Auftrag geben. Statt "Braun" nennen Sie Ihre Bürsten "Grün".


Viralkampagnen - oder: Existenzgründung für 'Arme'


blogOder aber Sie machen bei der selbstinitiierten "Kampagne" des Autors mit, werden so eine Art Vertriebspartner von Faltin und versorgen Ihre Freunde und Bekannten mit aus China importierten Elektrosparlampen, die billig unters Volk gebracht werden können. Außer sich in Ihrem sozialen Umfeld nachhaltig unbeliebt oder lächerlich zu machen, brauchen Sie eigentlich nichts weiter zu tun. Die komplette Abwicklung übernehmen die Shop-Software und irgendwelche Outsourcing-Partner des Autors. "Unternehmen zum Mitmachen". Wunderbar!

Selbst der geneigte Leser dürfte sich an dieser Stelle nicht mehr sicher sein, ob er bestürzt oder belustigt sein soll – erinnert einen dies doch unabwendbar an Tupperware und ähnliche Unternehmungen im Konsumgüter- oder auch Finanzbereich, bei denen die Produkte unter Einsatz von Viral-Marketing über Freundschaftsempfehlungen und/oder per Network-Marketing über selbstständige Vertriebspartner an die Endkunden verkauft werden sollen - die dann vor allem Ihren Freunden und Bekannten damit auf die Nerven gehen.

Beim Viral-Marketing werden existierende soziale Netzwerke und Medien ausgenutzt, um Aufmerksamkeit auf Marken, Produkte oder Kampagnen zu lenken, indem sich Nachrichten wellenartig ausbreiten sollen. Idealer Nährboden dafür ist natürlich das Internet mit all seinen Blogs und Communities. Das hat offensichtlich auch der Autor erkannt.


Innovation oder Imitation?


Die meisten Gründungsbeispiele, die Faltin ins Feld führt, stammen aus dem studentischen Umfeld des Autors, zumeist handelt es sich um Aktionen, die die Prinzipien der "Teekampagne" – einem vom Autor selbst gegründeten Unternehmen – "konzept-kreativ" auf Rapsöl, Olivenöl und andere Flüssigkeiten übertragen. Die "Teekampagne" ist ein Tee-Versandhandel, der Tee sehr billig anbietet, was dadurch möglich ist, dass sie sich auf eine einzige Teesorte beschränkt, diese direkt vom Hersteller aus Indien unter Ausschaltung sämtlicher dazwischen liegender Handelsstufen bezieht und diese dann auch nur in Großpackungen über Internet verkauft. Der Erfolg sei ihm gegönnt.

Doch für den umfassenden Anspruch, mit dem der Autor in dem vorliegenden Buch zu Werke geht, ist das dann doch insgesamt zu eindimensional. Der Imitation von Geschäftsmodellen sowie Arbitrage erteilt Faltin übrigens erstaunlicherweise eine Absage. Er hält sie "für Gründer weniger geeignet". Imitative Gründungen würden lediglich dafür sorgen, "dass die Märkte nicht verkrusten, indem sie den Wettbewerb beleben" ...


Business-Sprech für Entrepreneure


Faltin, der den Arbeitsbereich "Entrepreneurship" des Fachbereichs Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Freien Universität Berlin betreut, scheint nicht nur angeödet von seinen KollegInnen aus den wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen. Auch die Sprache hierzulande vermag es nicht, das Wirken des Autors und seine Botschaften sinnhaft wiederzugeben. Hier eine Auswahl des Vokabulars, das Sie als Entrepreneur draufhaben müssen, um sich aus dem Sumpf der gewöhnlichen Unternehmer zu erheben:
  • Sprechen Sie grundsätzlich einmal von "Entrepreneurship", statt von Unternehmertum.
  • Wenn Sie sich für ein Anliegen einsetzen wollen, sagen Sie "go for a cause".
  • Sie brauchen auf jeden Fall einen "idea based view of the firm".
  • "Locus of control" (Selbstkontrolle) brauchen Sie mitnichten.
  • Suchen Sie sich stattdessen ein "enriched environment" (impulsreiches Umfeld)
  • und verwandeln Sie Arbeit in Spaß: "turn work into fun".

Dann erarbeiten Sie auch mühelos das "High-Potential-Konzept" für Ihre Kanzlei. Sie werden über Doppelnutzungen von Gebäuden nachdenken und sich fragen: "Warum werden Kanzleien nicht tagsüber zu Kunstausstellungen und abends zu Partyräumen?" [sic!]

tom-sawyerGegen Ende erfahren wir dann noch das Geheimnis von Faltins Erfolg, als er vergnügt eine Geschichte aus Mark Twains Tom Sawyer erzählt und diese begeistert auf das, was er unter Entrepreneurship versteht, übertragen will (hier ausführlicher - und mit konsumpsychologischer Erläuterung - aus der Quelle: http://www.wissenschaft-online.de/artikel/793003).

Tom wird eines Tages dazu verdonnert, den hauseigenen Zaun zu streichen - und das an einem wunderschönen Sommertag, an dem seine Freunde schwimmen gehen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen wollen. Als der erste Freund bei Tom vorbei schlendert, bleibt der Spott natürlich nicht aus. Doch unser Held lässt sich nicht beeindrucken: Wer will denn schwimmen, wenn er die Chance bekommt, einen Zaun zu streichen! Mit Enthusiasmus vertieft sich Tom Sawyer in die Arbeit, trägt hier einen Pinselstrich auf, beäugt dort eine noch nicht perfekt getünchte Stelle. Sein Freund Ben ist ungläubig - und wird neugierig. Ob er vielleicht nicht auch mal ein wenig pinseln dürfe?


Reaktanz, Reaktanz ...


Am Ende des Tages hat Tom mehrere seiner Freunde davon überzeugt, dass sie nichts lieber wollen, als diesen Zaun zu streichen - und hat damit unbewusst eine konsumpsychologische Methode angewandt: die sog. Reaktanztheorie. Den Zaun zu streichen war plötzlich etwas ganz Besonderes, eine exklusive Option. - Reaktanz bedeutet, dass eine Option oder Alternative, die bedroht ist oder verloren scheint, aufgewertet wird. Obwohl der Konsument viele Möglichkeiten hat, erscheint die bedrohte am interessantesten. Beispiele, bei denen im wirtschaftlichen Alltag Reaktanzverhalten stimuliert wird, sind Warenausverkäufe, "Nur-für-kurze-Zeit"-Angebote und limitierte Auflagen. ‚Kampagnen‘ halt.

Immer wird dem Kunden eine besondere Exklusivität suggeriert. Tom Sawyer hat das schon als Schuljunge begriffen: Man muss sich nur exklusiv und anspruchsvoll genug darstellen, dann findet man schon seine Anhänger. Dieses Prinzip scheint auch dem vorliegenden Buchtitel zugrunde zu liegen.

Doch was bei Tom noch Pfiff und Witz hat, verkommt bei Faltin zur Bauernschläue.

Daher lautet die Empfehlung: Sparen Sie sich getrost die 19,90 Euro und greifen Sie statt dessen mal wieder zu einem echten Klassiker: "Die Abenteuer des Tom Sawyer" von Mark Twain.

Buchtitel: Kopf schlägt Kapital. Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen. Von der Lust, ein Entrepreneur zu sein.; Autor(en): Günter Faltin; Verlag: Hanser (September 2008); Format: Gebundene Ausgabe, 248 Seiten, ISBN: ISBN-10: 3446415645, ISBN-13: 978-3446415645; Preis: 19,90 EUR (ohne Gewähr)

 

Artikel vom: 22.10.2008

17.05.2012

 
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