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von Martina Maierhofer
Aus dem Klappentext:
Sparen, streichen, geizen – davon reden heute alle. Nicht nur in der Politik und in den Unternehmen haben phantasielose Buchhalter und Controller die Macht übernommen. Doch das ist eine Sackgasse. Denn Verschwendung ist gut – sie ist produktiv, sie ist erfinderisch und sie ist natürlich. Seit Milliarden von Jahren handelt die Evolution verschwenderisch. Wir sind das Produkt dieser natürlichen Vielfalt. Märkte funktionieren von jeher auf der Basis eines verschwenderischen Angebots und einer vielfältigen Nachfrage. Wer verschwendet, nützt anderen – tut also nicht nur sich selbst etwas Gutes.
Leser des Wirtschaftsmagazins brand eins, das von Wolf Lotter mitbegründet wurde, konnten sich mit einem Artikel des Autors zum thematischen Schwerpunkt "Komplexität" in der Januar-Ausgabe 06 schon einmal seelisch auf die Neuerscheinung vorbereiten. Die Sparapostel und Geizhälse, denen Lotter in seinem Buch eine Absage erteilen will, traten hier jedoch in Gestalt der Komplexitätsverweigerer auf, die sich durch Vereinfachung und mangelnde Anpassungsfähigkeit den Anforderungen einer modernen Wirtschaft im Zeichen von Vielfalt, Diversität und beständigem Wandel zu entziehen suchen.
Wie Lotter in seinem Buch nahelegt, sind Sparwut und Komplexitätsverweigerung nur verschiedene Facetten ein und desselben Grundübels, nämlich des Einheitsdenkens in der Tradition des griechischen Philosophen Platon, das am Urspung jeglichen Systemdenkens sowie des Glaubens steht, für ein Problem gäbe es nur eine wahre Lösung, die gefunden werden muss. Lotter arbeitet heraus, wie diese traditionelle Vorstellung von vorausschauenden, Prozesse regelhaft strukturierenden und somit detailliert planenden Arbeitsabläufen die westliche Wirtschaft seit dem Taylorschen Industriekapitalismus entscheidend geprägt hat. Er versucht aufzuzeigen, wie die Restbestände dieses Denkens bis heute noch hemmend wirken, ja geradezu als verantwortlich bezeichnet werden können für die Sackgasse in der sich die moderne Gesellschaft derzeit befindet.
Lotter hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Vorstellungen ein Denken im Zeichen der Vielfalt und der Offenheit für Neues entgegen zu setzen, das Ideal eines schrankenlosen Konsums und unbegrenzten Fortschritts sowie der Anpassungsfähigkeit an immer neue Bedingungen.
Zu Beginn des Buches stößt der Leser noch auf wohltuende Gedanken, etwa die humanistisch anmutende Kritik am leidigen Effizienzdenken, das jegliche Aktivität jenseits ökonomischer Verwertbarkeit als sinnlos branntmarkt. In gespannter Erwartung ist der Geiz-ist-geil-Geschädigte also bereit, sich auf das kühne Gedankenexperiment einzulassen, das Lotters medienwirksamer Buchtitel verspricht. Doch die Lektüre mündet in wachsende Enttäuschung. Denn was nun folgt, ist ein universeller, mehr als drei Viertel des Buches umfassender polemischer Rundumschlag gegen Personengruppen und Institutionen, die der Autor allesamt der fatalen "Diktatur der Einheit" verpflichtet wissen will.
Erstmals hellhörig wird der Leser bereits im Vorwort, in dem Lotter völlig unvermittelt über Jogger herfällt: "Menschen, die freiwillig morgens um halb acht eine Runde um den Block laufen, um sich körperlich fit zu halten, verachten jede Art von geistiger Bewegung. In den halbwegs gesunden Körpern wohnt vielfach ein kranker Geist, der die alten Dogmen von Einheitlichkeit und Übersichtlichkeit liebt, während er sich dem Neuen, dem Vielfältigen hartnäckig verweigert." Mag sein, dass es sich hier um einen Running-Gag für Eingeweihte handelt, der Leser wird jedoch leider feststellen müssen, dass dieser Ausfall für alles Folgende geradezu exemplarisch steht.
Lotters große Abrechnung setzt ein mit den Volksparteien, die über die Etablierung des sozialen Wohlfahrtsstaates und seiner gleichmacherischen Umverteilungspolitik nur den Rückzug des Individuums aus seiner persönlichen Verantwortlichkeit verursacht und somit überhaupt erst die fortschrittsfeindliche "Neidgesellschaft" hervorgebracht hätten.
Das industrielle Management wird als parasitäre, verantwortungsscheue Kaste abgekanzelt, die "Einheitsmanager" als "kleine Jammerlappen", die mit ihrer "Aufgabe im Zeitalter des Wandels völlig überfordert sind". Keinesfalls besser kommt die nachwachsende Generation weg, die Absolventen der klassischen Betriebswirtschaftsstudiengänge, die sich nur "innerhalb ihrer Korps ... durch eine leicht trottelige Sprache und die gegenseitige Rückversicherung ihrer elitären Rolle eine gewisse Existenzberechtigung" wahren.
Ökologen gehören in Lotters Augen zur Spezies der "Gutmenschen", die sich in ihrem romantisch-verklärenden Naturverständnis der wahren Natur, die nur Verschwendung und Überfluss kenne, schon längst entfremdet haben. Provokant stellt er den Sinn ökologischer Maßnahmen in Frage, die darauf abzielen, die Dynamik der globalen Klimaveränderung zu bremsen und propagiert statt dessen eine aktive Anpassung an die jeweiligen Umweltbedingungen. Im Klartext: Verlegt eure Häuser auf die Elbhänge, anstatt euch mit kleinkarierten Beschränkungen von Schadstoffemissionen herumzuschlagen!
Von Feministinnen als Startchance durchgesetzte Frauenquoten lehnt Lotter ab. Dabei fällt er in patriarchalische Muster zurück und zeigt sich froh darüber, dass sich die Geschlechter unterscheiden, denn "nahezu alle Beispiele weiblicher Unternehmensführung beweisen nichts weiter, als dass Frauen weder schlechtere noch bessere Vorstände sind als Männer. Es ist eine programmierte Enttäuschung [sic!]".
Nicht anders als den bereits aufgeführten Opfern des Lotterschen Vielheitswahns ergeht es auch den Pädagogen, Bürokraten einer "Schulfabrik", deren "einziges Interesse in der einheitlichen Konditionierung zukünftiger Produktionsfaktoren" liege, den Ingenieuren als Erfüllungsgehilfen fortschreitender Spezialisierung, Detailisierung und Dequalifizierung sowie den Buchhaltern, Nachfahren des preußischen Offiziers, dem Muster an Disziplin und militärischer Funktionalität.
Warum ist das Buch so ermüdend? - Zum einen sicher deshalb, weil sein Autor dem Leser beständig einschärft, all diese Gruppen trügen den "genetischen Code des Faschismus und Stalinismus" in sich, "geliefert von unscheinbaren, schmächtigen Männern, die die Welt endlich in einem begreifen wollen und alles was sich nicht fügt, mit Gewalt ins Gefüge pressen".
Nun kann radikale Kritik durchaus heilsam wirken, zwei Grundvoraussetzungen sollten dabei aber erfüllt werden: sie sollte berechtigt sein und zumindest ansatzweise ein plausibles Gegenkonzept vorlegen.
Was den ersten Punkt anbetrifft, stellt sich die Frage, ob ein Autor, der es sich leicht genug macht, die meisten der oben genannten Positionen auf nicht mehr als einer Seite abzufertigen, überhaupt ein Buch zum Thema Komplexität in Angriff nehmen sollte. Stattdessen gewinnt man den Eindruck, hier sei Don Quijote am Werk, der zu spät gekommene Ritter, der in einer längst angebrochenen Postmoderne zum Kreuzzug gegen Windmühlen und Wasserschläuche aufruft. Denn ist die Entwicklung hin zur überbordenen Vielfalt und einer zunehmenden Individualisierung des Angebots nicht schon in vollem Gange?
Wer heute etwa bei Amazon online Artikel bestellt, profitiert nicht nur von einem leicht zugänglichen immensen Sortiment, das schon längst über Bücher und CDs hinausgewachsen ist, sondern erhält bei allen Besuchen auch eine speziell auf sein Suchprofil abgestimmte Auswahl an persönlichen Empfehlungen. Noch nie konsumierte sich's bequemer, noch nie waren die (virtuellen) Einkaufswagen voller, noch nie saßen die Kreditkarten lockerer!
Sollte man in der Geiz-ist-geil-Mentalität also nicht vielmehr eine Konsequenz gerade beständig wachsender Konsumbedürfnisse sehen? Denn um sich regelmäßig die neuesten Klamotten, Sportartikel, Computer oder Handys mit den jeweils hippsten Klingeltönen leisten zu können, müssen entweder die Produktpreise fallen und die Konsumgüter an Qualität einbüßen oder die Verbraucher ganz einfach anderweitig sparen.
Im vorliegenden Titel, der auch als Beitrag zum Siemens Arts Program erscheint, nehmen geistes- und kulturgeschichtliche Referenzen einen breiten Raum ein. Lotter versucht hier unter anderem der philosophischen Tradition der Verschwendung nachzugehen, näherhin dem Epikureismus, wie er meint.
Eins dürfte jedoch sicher sein: Mit seinen Thesen kann sich der Autor gewiss nicht auf Epikur berufen, denn der gehört ja nicht weniger zu den großen Einheitsdenkern als sein Vorläufer Platon. Vielmehr scheint sich Lotter hier selber konsequent in die Tradition derer einzureihen, die den Ahnherrn des Hedonismus gründlich missverstanden haben. Denn Epikur hatte zwar die Lust zum Lebensziel erklärt, meinte damit aber weder den hemmungslosen Konsum noch – hören wir ihn selbst: "... das bloße Genießen, wie einige aus Unkenntnis und weil sie mit uns nicht übereinstimmen oder weil sie uns missverstehen, meinen, sondern wir verstehen darunter, weder Schmerz im Körper noch Beunruhigung in der Seele zu empfinden" (Brief an Menoikeus). Tatsächlich war der antike Epikureismus eine sehr nüchterne, auf Selbstbeschränkung abzielende philosophische Praxis, die immer schon mit einkalkulierte, dass ein Übermaß an Lust, Konsum und Verschwendung notwendig eine kräftige Portion Unlust nach sich zieht. Die Epikureer nahmen somit auf ethischem Gebiet das vorweg, was die Volkswirtschaft später als "Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen" formulieren wird. Gerade die darin anklingende Auseinandersetzung mit qualitativen Fragen bleibt jedoch eine der großen Unbekannten in Lotters Buch.
Statt dessen klingt vieles, was der Autor vorbringt, eher der Sophistik und ihrem Ideal der Pleonexia, des "Immer-mehr-haben-Wollens", verpflichtet, selbst wenn er diese einzig ernst zu nehmende antiplatonische Tradition mit keinem Wort erwähnt. Für die Sophisten ist der Staat nur eine List der Schwachen, ein Instrument, das dazu dient, die Starken in ihrer Entfaltung zu hemmen, und zwar mittels vermeintlich moralischer Werte, allen voran einer falsch verstandenen, auf Gleichmacherei abzielenden Gerechtigkeit. Staatliche Regulierung hemme also die freie Entfaltung der Individuen – so auch Lotter.
Geht man noch einen Schritt weiter und greift die biologischen Prämissen des Buches auf, so erweist sich der Autor als Anhänger der Darwinschen Evolutionslehre: Verschiedenheit ist die treibende Kraft der Natur und Unterscheidbarkeit die eigentliche Substanz des Lebens und des Fortschritts. Überlebensfähig ist nur, wer den sich wandelnden Umweltbedingungen optimal angepasst ist. Nun ist das aber meist auch gerade derjenige, der sich - ähnlich wie auch der Sophist - im Überlebenskampf um die begrenzten Ressourcen auf Kosten der Schwächeren durchsetzt. An dieser Stelle steigt Lotter jedoch aus, denn das würde auf volkswirtschaftlicher Basis ja nichts anderes bedeuten als Knappheit der Güter, Akkumulation von Macht, Bildung von Kartellen und Monopolen, sowie die Tendenz zu Fusionen und das darf nun überhaupt nicht sein, denn dann werden Preise statisch, und "Entwicklungen verlaufen träge, denn es gibt keinen Wettbewerb [mehr und] der Fortschritt, der aus ständigem Neuversuch ensteht (also Verschwendung), kommt praktisch zum Stillstand".
Sollen wir nun also der Natur folgen, oder nicht? Wenn ja, dann müssen wir den Weg auch konsequent zu Ende gehen und in Kauf nehmen, dass Menschen – wie Lotter vom amerikanischen Sozialökonomen Thorstein Veblen (1857-1929) weiß – nichts mehr lieben als "Prestige" und "Anerkennung, ... das bedeutet, andere zu überholen, über ihnen zu stehen". Dies allerdings nicht nur insofern, als sie konsumieren, um sich von anderen abzuheben, sondern auch dadurch, dass sie sich die dazu nötige Macht und die Mittel sichern. Auch das ist eine "anthropologische Konstante" und wenn man noch weiter gehen möchte: Auch das Denken in Kategorien der Einheit war immer schon eine anthropologische Konstante.
Man sieht also schon, wohin die Reise führt, nämlich direkt hinein in die Utopie einer von beständig sich wandelnden Konsumbedürfnissen gesteuerten Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, in der sich – und das ist entscheidend – gleichwohl niemand besonders hervortun darf, denn das würde die Dynamik der Verschwendung nur bremsen. Offensichtlich ist dies Lotters Zugeständis an das goldene Kalb der Vielheit und gerade hierin dürfte er die lange Ahnengalerie der Einheitsdenker nun würdig fortsetzen.
Dass freilich auch der Autor selbst sich den klassischen Denkmustern der Einheit nicht entziehen kann, wird spätestens dann klar, wenn er zu polarisieren beginnt und zwischen (positiver) "Verschwendung" und (negativer) "Vergeudung" unterscheidet oder wenn er in Einzelfällen von "Komplexitätsreduktionsleistungen" und "vernünftigen Lösungen" spricht. Doch nach einer schlüssigen Darlegung seiner Auffassung von positiver Verschwendung sucht man im ganzen Buch vergeblich.
Vielleicht ist es ja die im Gesamtkonzept etwas seltsam anmutende Forderung nach einem garantierten Einkommen, die sich als Quintessenz des Buches extrahieren lässt. Eine moderne Gesellschaft, deren Lebensqualität mit zunehmender Automatisierung der Produktionsabläufe gestiegen sei, müsse sich von der Illusion der Vollbeschäftigung verabschieden.
Statt dessen propagiert der Autor als zukunftsweisende wirtschafts- und sozialpolitische Lösung das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens in Verbindung mit einer Konsumbesteuerung. Diese seit Jahren von vielen Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft befürworteten Ansätze warten nun geradezu auf fundierte Vorschläge für eine praktikable Umsetzung. Dem Autor gelingt es jedoch nicht, dieses auf Gleichheit und sozialstaatlicher Gerechtigkeit beruhende Konzept des Grundeinkommens schlüssig in sein Bild von dynamischer Vielfalt zu integrieren. Ebensowenig vermag er es dem Leser plausibel zu machen, wie die - sich aus dem Grundeinkommen logischerweise ableitende - Konsumsteuer mit dem Lenkungsziel eines schrankenlosen Konsums zu vereinbaren wäre.
Stattdessen findet er neuen Verwendungszweck für Arbeitslose und "bildungsferne Schichten" – kurz: das "neue Proletariat". Sein zynischer Vorschlag lautet sinngemäß wie folgt: Verabschiedet Euch von all den teuren und sinnlosen Beschäftigungs- und Wiedereingliederungsmaßnahmen und gebt den Leuten genug Geld, damit sie wenigstens so ihre "Pflicht" als Konsumenten tun können. "Denn gegenwärtig erhalten [sie] an Zuschüssen und Lohnstützen so viel, dass sie im Grunde genommen der Allgemeinheit weniger Mühe machen würden, ließe man sie mit einem anständigen Grundeinkommen einfach nur konsumieren."
So spannend Lotters Thesen gerade in ihrem provokativen Charakter zunächst auch scheinen - man beisst als Leser nicht wirklich an. Zu widersprüchlich ist das Gesamtkonzept, allzu konfus der Buchaufbau, ärgerlich die Fülle der unsachlichen Ausfälle. Machen Sie sich selbst ein Bild davon, ob dieses Buch den Ansprüchen eines "Siemens Arts Program" gerecht wird. Uns jedenfalls kann Erich Fromm immer noch weitaus mehr überzeugen. Der schrieb schon 1966: "Der heutige Mensch hat einen grenzenlosen Hunger nach immer mehr Konsum. Das hat folgende Konsequenzen: Da in absehbarer Zukunft keine Wirtschaft genug produzieren kann, um einem jeden einen unbegrenzten Konsum zu ermöglichen, kann es (psychologisch gesehen) niemals einen echten Überfluss geben, solange die Charakterstruktur des homo consumens vorherrschend ist. Der Gierige wird immer Mangel leiden, da er nie genug bekommt, ganz gleich, wie viel er hat. [...] Nur mit der Umwandlung des homo consumens in eine produktiv-tätige Persönlichkeit wird der Mensch Freiheit als echte Unabhängigkeit erleben und nicht als unbegrenzte Möglichkeit, unter Konsumgütern zu wählen." (Erich Fromm: Psychologische Aspekte eines garantierten Einkommens für alle)
Buchtitel: Verschwendung - Wirtschaft braucht Überfluss; Autor(en): Wolf Lotter; Verlag: Hanser Wirtschaft (März 2006); Format: ca. 240 Seiten, Hardcover, ISBN: 3-446-40035-4; Preis: 19,90 (D) EUR (ohne Gewähr)
Artikel vom: 26.04.2006
17.05.2012